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Genossenschaften erweisen sich in der Krise als systemrelevant und widerstandsfähig

02.09.2020

Solides Polster für Herausforderungen infolge der Corona-Pandemie / Genossenschaftsverband Weser-Ems steht seinen Mitgliedern als zukunftsorientierter Dienstleister zur Seite

 © Hauke-Christian Dittrich

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Verbandstag des Genossenschaftsverband Weser-Ems e.V.: Das Grußwort sprach der Dr. Bernd Althusmann (Niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung, Mitte) umringt von Ralph Zollenkopf (Verbandsratsvorsitzender, links) und Johannes Freundlieb (Verbandsdirektor, rechts), dahinter von links: Klaus Krömer (Vorsitzender des Rechnungsausschusses), Johann Kramer (Präsidiumsmitglied), Axel Schwengels (Verbandsdirektor), Sebastian Wolters (Ministerialrat, Niedersächsisches Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung) und Heiko Plump (Präsidiumsmitglied).

Oldenburg. Etwa 120 Vertreter der genossenschaftlichen Mitgliedsunternehmen sind der Einladung des Genossenschaftsverbandes Weser-Ems zum Verbandstag am 2. September in die Weser-Ems Hallen nach Oldenburg gefolgt. Die Veranstaltung fand corona-bedingt mit eingeschränkter Personenanzahl statt. Ein Sicherheitskonzept gewährleistete, dass Hygiene- und Abstandsregelungen eingehalten wurden. Das Grußwort sprach Dr. Bernd Althusmann, Niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung und stellvertretender Ministerpräsident.

Der Verbandsratsvorsitzende Ralph Zollenkopf führte durch den Verbandstag. Zollenkopf ging in seiner Begrüßung auf die Rolle der Genossenschaftsorganisation in den von Corona geprägten Zeiten ein: „Das Corona-Virus hat uns alle mit voller Wucht getroffen. Doch in dieser Krise haben wir gemeinsam dem Virus die Stirn geboten.  Die Genossenschaften haben einmal mehr ihre Stärke gezeigt: Sie haben Verantwortung übernommen, Unterstützung geboten und haben den Laden sprichwörtlich am Laufen gehalten.“ Mit Blick auf den Genossenschaftsverband lobte er die Unterstützung, die die Mitglieder während der Krise erfahren. „In diesen herausfordernden Zeiten können wir uns auf unseren Verband als Navigator verlassen, der seine Mitglieder, ihr Umfeld und ihre Bedürfnisse gut kennt. Diese Nähe, die unser Verband in nunmehr 130 Jahren zu den Mitgliedern aufgebaut hat, ist gerade in Krisenzeiten vorteilhaft. Mit großem Engagement setzen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für unsere Interessen in Politik und Wirtschaft ein, unterstützen uns im alltäglichen Geschäft mit praktischen Lösungen und stehen uns jederzeit mit Rat und Tat zur Seite“, so Zollenkopf weiter.

In seinem Grußwort ging auch Wirtschaftsminister Dr. Bernd Althusmann auf die Bedeutung des Verbandes ein: „Der Genossenschaftsverband Weser-Ems steht seinen genossenschaftlichen Mitgliedsunternehmen seit vielen Jahren als zukunftsorientierter Dienstleister zur Seite“, so der Wirtschaftsminister während seiner Rede in Oldenburg. Dies gilt besonders mit Blick auf die hohe genossenschaftliche Intensität in der ländlich geprägten Region Weser-Ems: Die über 300 dem Verband angehörenden Genossenschaften und genossenschaftlich orientierten Gesellschaften zählen annähernd 555.000 Mitglieder und beschäftigen fast 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Die Genossenschaften in Weser-Ems sind bedeutsame Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor für die Region – und zeichnen sich zudem durch ein hohes Maß an Stabilität aus: In den wesentlichen Branchen sind keine corona-bedingten staatlichen Hilfskredite in Anspruch genommen worden und Kurzarbeit wurde lediglich in sehr geringem Umfang aufgrund angeordneter Teilbetriebsschließungen genutzt“, so Althusmann weiter.

Die Verbandsdirektoren Johannes Freundlieb und Axel Schwengels berichteten über das abgelaufene Geschäftsjahr sowie über die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Während Schwengels die wesentlichen geschäftlichen Entwicklungen der dem Verband angehörenden Mitgliedsunternehmen sowie den aktuellen Jahresabschluss des Verbandes vorstellte, informierte Freundlieb über die Verbandsarbeit in den Leistungsfeldern Prüfen, Beraten, Bilden und Interessen vertreten sowie über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Mitglieder und den Verband.

„Die 311 Mitgliedsunternehmen unseres Verbandes sind ein stabiler Kern der mittelständischen Wirtschaft in Weser-Ems – auch und gerade in der Corona-Pandemie. Die Volksbanken Raiffeisenbanken, die Waren-, Vermarktungs- und Dienstleistungsgenossenschaften, die Energiegenossenschaften, die vielen weiteren Genossenschaften und die vielfältigen Mitgliedsunternehmen anderer Rechtsform sind ein Gewinn für die Menschen und tun unserer Region gut, denn sie stehen für solides Wirtschaften und ein gesundes Wachstum“, mit diesen Worten eröffnete Schwengels seine Rede.

Mit Blick auf die Corona-Pandemie machte er deutlich, dass Corona ein Wendepunkt sein dürfte für mehr Dezentralität und Regionalität in der Wirtschaft und ein Motor für die Digitalisierung. Für Genossenschaften sieht Schwengels daher großes Potenzial: „Gerade unsere genossenschaftlichen Werte wie Solidarität, Vertrauen, Transparenz, Gemeinschaft und regionale Nähe bilden den aktuellen Wunsch vieler Menschen nach einem besseren Miteinander ab.“

 

Genossenschaftsbanken haben Marktposition 2019 gefestigt

„Die unserem Verband angehörenden 60 Genossenschaftsbanken haben ihre Marktposition auch in 2019 gefestigt und sind wirtschaftlich solide aufgestellt“, fasste Schwengels zusammen. Mit Blick auf das anspruchsvolle Umfeld, bestehend aus anhaltender Niedrig-, Null- und Negativzinspolitik, unverändert hoher regulatorischer Belastungen und intensivem Wettbewerb, sind die guten Geschäftsergebnisse besonders positiv zu würdigen. Sie sind Folge kluger unternehmerischer Entscheidungen und des genossenschaftlichen Geschäftsmodells. Die eindrucksvollen Ergebnisse im Kredit- (22,76 Mrd. Euro, plus 5,7 Prozent) und Einlagengeschäft (20,25 Mrd. Euro, plus 7,2 Prozent) spiegeln das hohe Vertrauen der Mitglieder und Kunden in die Genossenschaftsbanken wider. Das Betriebsergebnis vor Bewertung in Höhe von 0,98 Prozent der durchschnittlichen Bilanzsumme fällt gegenüber dem Vorjahr (1,01 Prozent) leicht niedriger aus, ist im Bundesvergleich aber wiederum ein Spitzenwert. Nach Verrechnung des Bewertungsergebnisses aus dem eigenen Wertpapierbestand und aus den Kundenforderungen, das insgesamt positiv ausfiel, beträgt das Betriebsergebnis 1,10 Prozent der durchschnittlichen Bilanzsumme. „Hieraus haben unsere Mitgliedsbanken die insgesamt gute Eigenkapitalausstattung und Risikovorsorge weiter gestärkt“, so Schwengels.

 

Ländliche Genossenschaften schlagen sich im Strukturwandel solide

Die für die Weser-Ems Region so bedeutende Agrarbranche mit ihren Ländlichen Genossenschaften und Gesellschaften hat 2019 erneut ein herausforderndes Geschäftsjahr erlebt. „Trotz zusätzlicher Herausforderungen wie stark schwankende Weltmarktpreise, zunehmende gesellschafts- und agrarpolitische Anforderungen sowie erforderliche Investitionen in die weitere Digitalisierung sind unsere Ländlichen Genossenschaften und Gesellschaften solide aufgestellt“, hob Schwengels hervor. In allen Sparten waren die Umsätze stabil oder wurden sogar noch gesteigert. Die guten Ergebnisse wurden genutzt, um die Eigenkapitalausstattungen weiter zu verbessern. So konnten die beiden Obst- und Gemüsegenossenschaften ihren Umsatz im vergangenen Jahr um 3 Prozent auf 301,0 Millionen Euro ausbauen und ihre Eigenkapitalquote weiter auf 34,2 Prozent verbessern. Bei den 40 Warengenossenschaften und -gesellschaften ist der Umsatz 2019 mit rund 1,7 Milliarden Euro stabil geblieben. Die Eigenkapitalausstattung ist mit über 54 Prozent der Bilanzsumme sehr gut. Die 23 Genossenschaften und Gesellschaften, die in der Vieherfassung und vereinzelt auch in der Fleischvermarktung tätig sind, vermarkteten mit 6,8 Millionen (Vorjahr: 7,0 Mio. Tiere) etwas weniger Tiere als im Vorjahr. Der damit erzielte Umsatz beträgt 1,1 Milliarden Euro, rund 5,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Dieses Umsatzplus resultiert aus einem gestiegenen Preisniveau für Schweine und Ferkel aufgrund einer erhöhten weltweiten Nachfrage nach Schweinefleisch als Folge der Afrikanischen Schweinepest. Die Eigenkapitalquote liegt bei 56 Prozent der Bilanzsumme und ist ebenfalls sehr gut. Der erwirtschaftete Umsatz der vier Molkereigenossenschaften war 2019 mit 6,5 Milliarden Euro stabil gegenüber dem Vorjahr. Die Umschlagsmenge ist leicht um 600.000 Kilogramm gesunken.

 

Energiegenossenschaften Ausdruck hoher Bürgerbeteiligung in der Energiewende

Ende 2019 waren in Weser-Ems 71 Energiegenossenschaften und zwölf Windparkgesellschaften mit 19.000 Mitgliedern in unterschiedlichen Geschäftsfeldern tätig. Schwerpunkt dieser Mitgliedsunternehmen ist die Produktion von Strom aus erneuerbaren Energiequellen, wie Wind und Sonne, sowie die Versorgung mit Strom, Gas und Nahwärme. Für 2019 beträgt der Gesamtumsatz aller Energiegenossenschaften in Weser-Ems knapp 100 Millionen Euro (2018 noch über 100 Mio. Euro); Grund für den leichten Rückgang sind gesunkene Energiepreise.

Neben den zuvor erwähnten Mitgliedern gehören dem Verband 72 weitere Genossenschaften und 29 Gesellschaften an. Das Spektrum ihrer Geschäfte ist vielfältig und reicht von „Fischerei“, „Wohnen“, „Gesundheit und Soziales“ über genossenschaftlich organisierte „Kindertagespflege“, „regionale Entwicklung“ und „lokale Daseinsvorsorge“ bis zur Pferdezucht. Durch die intensive verbandseigene Gründungsberatung konnten 2019 14 neue Genossenschaften in den Bereichen Energie, Wohnen, Dienstleistung und Soziales gegründet werden; 2020 sind bereits fünf weitere Genossenschaften dazugekommen.

„Die positive geschäftliche Entwicklung 2019 unserer Mitgliedsunternehmen ist eine gute Basis, um die Herausforderungen der Corona-Krise zu meistern“, mit diesem Resümee beendete Schwengels seinen Vortrag und leitete über zu seinem Verbandskollegen Johannes Freundlieb, der auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie einging.

 

Verband verschafft in Corona-Krise den Interessen der Mitglieder Gehör

„Es sind manchmal gerade krisenhafte Situationen, die zeigen: Man kann sich aufeinander verlassen und unterstützt sich gegenseitig“, leitete Freundlieb seinen Beitrag ein. Dass der Verband in den herausfordernden Zeiten als Prüfer, als Berater, als Qualifizierungsanbieter und als Vertreter der Interessen seiner Mitglieder verlässlich für seine Mitglieder da ist, machte er an vielfältigen Beispielen deutlich. Mit dem Lockdown im März zeigte sich der hohe Digitalisierungsgrad des Verbandes, der eine schnelle Umstellung auf mobiles Arbeiten sowie auf digitale Bildungs- und Beratungsformate ermöglichte. Eine sichere Datenübertragung im Rahmen der Prüfung ist über technische Lösungen stets gewährleistet. Die Beratungsabteilungen – Unternehmensberatung, Rechtsberatung und Steuerberatung – sind für die Mitgliedsunternehmen durchgängig verlässlich erreichbar und unterstützen umfassend mit Rat und Tat.

Besonders das Leistungsfeld der Interessenvertretung hat in der Corona-Krise zusätzliche Bedeutung erlangt. „Wir sind ein gefragter Gesprächspartner der niedersächsischen Landesregierung und finden für viele Anliegen Gehör“, so Freundlieb. Dank eines intensiven Austauschs mit den politischen Vertretern hat der Verband für seine Mitgliedsbanken unter anderem wesentlich geholfen, die Vermittlung von KfW- und NBank-Darlehen praxistauglich zu gestalten, Banken bei der Stundung von Krediten operativ zu entlasten und zumindest temporäre regulatorische Erleichterungen zielgenauer zu machen. Für die Vertretung der Interessen der Ländlichen Genossenschaften und Gesellschaften standen und stehen die Verbandsvertreter gemeinsam mit den anderen Regionalverbänden in engem Kontakt zum Deutschen Raiffeisenverband (DRV) und zum Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung. „Nach einer zeitweisen Schließung der Märkte haben sich der DRV und unser Verband erfolgreich für die Wiedereröffnung der Raiffeisen-Märkte stark gemacht. Wir haben unsere Positionen nachdrücklich bei der Landesregierung vertreten“, erläuterte Freundlieb.

 

Genossenschaften erweisen sich in Krisenzeiten als systemrelevant

Die Genossenschaften haben in der Corona-Krise gezeigt, dass man auf sie nicht verzichten kann. Die Genossenschaftsbanken sicherten die Versorgung der Bevölkerung mit Bargeld und hielten den Zahlungsverkehr aufrecht. Als Partner von KfW, regionalen Förderbanken und Bürgschaftsbanken leisteten die Bankberaterinnen und Bankberater in Akkordarbeit schnelle und unkomplizierte Unterstützung, um Liquiditätsengpässe bei Firmenkunden zu vermeiden. Wie nah die Genossenschaftsbanken am Kunden sind, belegen auch die knapp 30.000 und damit 30 Prozent der KfW-Förderanträge mit einem Antragsvolumen von 7,7 Milliarden Euro, die bundesweit durch die genossenschaftliche FinanzGruppe verzeichnet wurden. Das erste Halbjahr konnten die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Weser-Ems mit soliden Ergebnissen beenden. Das addierte Bilanzvolumen der 58 in die Statistik einbezogenen Genossenschaftsbanken erhöhte sich im ersten Halbjahr um 4,2 Prozent auf rund 31,76 Milliarden Euro (2019: 30,47 Mrd. Euro). Die durchschnittliche Bilanzsumme ist damit auf 547,59 Millionen Euro angestiegen (2019: 525,34 Mio. Euro). Das Betriebsergebnis vor Bewertung wird per Ende Juni zum 31.12.2020 auf einen im Vergleich zum Vorjahr um 0,14 Prozentpunkte verringerten Wert von 0,84 Prozent erwartet. „Die Genossenschaftsbanken haben ein gutes Polster, um die Herausforderungen der Corona-Pandemie zu meistern und den Menschen in der Region auch in schwierigen Zeiten unterstützend zur Seite zu stehen“, so Freundlieb zuversichtlich. An der Stabilität der genossenschaftlichen Kreditinstitute hat die seit 1934 bestehende Institutssicherung der bundesweit 841 Volksbanken und Raiffeisenbanken maßgeblichen Einfluss. „Vor diesem Hintergrund wenden wir uns gemeinsam mit dem Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken gegen aktuelle Bestrebungen, im Zuge der deutschen EU-Ratspräsidentschaft als Wegmarke zur Einführung eines Einlagensicherungssystems auf europäischer Ebene eine Rückversicherungslösung (European Deposit Re-Insurance Scheme, EDRIS) voranzutreiben. Denn zurzeit ist nicht abschätzbar, wie sich die wirtschaftliche Situation in den Mitgliedstaaten entwickeln wird. Die Solidität der bestehenden stabilen Einlagensicherungssysteme darf deshalb nicht geschwächt werden“, appellierte Freundlieb.

Mit Blick auf die Bedürfnisse der Bevölkerung in Zeiten des Lockdowns kam den Ländlichen Genossenschaften und Gesellschaften eine besondere Rolle zu. Sie unterstützten die Versorgung mit Nahrungsmitteln, hielten Lieferketten aufrecht und stellten kritische Infrastruktur zur Verfügung. „Wenn man der Krise etwas Positives abgewinnen will, dann, dass die Wertschätzung der Verbraucher für die lokale Produktion und Vermarktung von Lebensmitteln steigt. Zu hoffen bleibt, dass diese Werte auch nach Überwindung der Krise durch den Verbraucher honoriert werden. Ein positives Signal ist die Einsetzung der Zukunftskommission Landwirtschaft, um der Nutztierhaltung in Deutschland eine Perspektive zu geben. Doch alles in allem betrachtet, bleibt aufgrund der verschiedenen Effekte abzuwarten, wie tief die Spuren der Corona-Krise in den Bilanzen für 2020 sein werden“, betonte Freundlieb. Die Folgen der Corona-Pandemie für die Marktpreise, vor allem für Milch und Fleisch, und die längerfristigen Auswirkungen auf die Märkte für landwirtschaftliche Produkte sind schon jetzt spürbar: So schlägt sich Corona bei den Viehvermarktungsgenossenschaften auf die Preise nieder: Während der Pandemie ging der Absatz von Schweine- und Rindfleisch im Inland drastisch zurück. Lange geschlossene Restaurants und Kantinen sowie die Absage von Großveranstaltungen ließen die Schweinepreise einbrechen. Auch Rindfleisch ist in der Pandemie aufgrund der Gastronomieschließungen bzw. -einschränkungen immer weniger gefragt und die Preise sinken. Die Pandemie hat auch spürbare Auswirkungen auf den Milchmarkt: Ein erschwertes Exportgeschäft und die weggebrochene Nachfrage von Gastronomie und Großverbrauchern führte zu erheblichen Absatzeinbußen, die durch eine deutlich erhöhte Nachfrage aus dem Lebensmitteleinzelhandel nicht kompensiert werden konnten. Bei den Warengenossenschaften führten die Beschränkungen der gewerblichen und privaten Mobilität zu deutlichen Absatzrückgängen bei Treibstoffen. Dagegen erlebten Heim- und Gartenmärkte einen Nachfrageschub, weil viele Leute die Zeit genutzt haben, um ihr Zuhause auf Vordermann zu bringen.

Auch jenseits von Corona sehen die Ländlichen Genossenschaften und Gesellschaften Herausforderungen entgegen: Der Klimawandel ist spürbar und hat auch in diesem Jahr zu einer trockenen Witterung geführt. Weitere Themen belasten ebenfalls, so die Verschärfung der Düngeverordnung, Verbote von Pflanzenschutzmitteln, praktische Probleme bei der Ferkelkastration und die Diskussionen rund um die Einführung des staatlichen Tierwohllabels, um nur einige Beispiele zu nennen. Auf europäischer Ebene lässt die Diskussion um die Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU nach 2020 weniger Unterstützungsleistungen und höhere Anforderungen erwarten, und die „Farm to Fork“-Strategie der Europäischen Union trägt zur weiteren Verunsicherung bei. „Auch in diesen Themenfeldern sind wir für die Interessen unserer Mitglieder aktiv“, hob Freundlieb hervor.

Grund zur Hoffnung gibt es indes für die Energiegenossenschaften: Die von der schwarz-roten Koalition beschlossene Abschaffung des 52 Gigawatt-Förderdeckels für neue Solaranlagen ist ein gutes Signal, um das erklärte Ziel des Ökostrom-Anteils am Stromverbrauch bis 2030 von 65 Prozent erreichen. Auch die beschlossene Länderöffnungsklausel im Baugesetzbuch zu den Mindestabständen für Windräder sind Schritte in die richtige Richtung. Dennoch zeigen die Zahlen, dass politisches Handeln im Bereich der Windkraft erforderlich ist: 2019 hatte der Bruttozubau mit 1.078 Megawatt und 325 Anlagen den niedrigsten Stand seit Einführung des EEG. Die Investitionen gingen 2019 bundesweit um 62,5 Prozent zurück. Ein anderes Bild zeigt sich bei der Nahwärme. Hier gibt es nach wie vor Potenzial für kleinere und regionale Einheiten, die sich autark mit Wärme versorgen. Genossenschaftliche Nahwärmenetze sind ein gutes Beispiel, wie lokaler Klimaschutz geht und beweisen „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.“ Dieser Gedanke von Friedrich Wilhelm Raiffeisen prägt die Genossenschaften seit inzwischen über 200 Jahren und wird sie weiter durch herausfordernde Zeiten wie diese tragen.