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Genossenschaften in Weser-Ems solide aufgestellt

03.06.2020

Ländliche Genossenschaften in Weser-Ems mit guten Geschäftszahlen / Folgen des Klima- und Strukturwandels spürbar / Corona-Krise als Chance für Genossenschaften

 © MARKUS HIBBELER

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Die Verbandsdirektoren des Genossenschaftsverbandes Weser-Ems Axel Schwengels (l.) und Johannes Freundlieb (r.) präsentierten gute Geschäftsergebnisse der Ländlichen Genossenschaften und Energiegenossenschaften in Weser-Ems für das Jahr 2019. Mit Blick auf die Corona-Krise erwarten sie in Besinnung auf die genossenschaftlichen Werte langfristig eine Belebung der Genossenschaften.

Oldenburg/Rastede. Am 3. Juni präsentierte der Genossenschaftsverband Weser-Ems die Geschäftsergebnisse 2019 der dem Verband angehörenden Ländlichen Genossenschaften, Gesellschaften und Energiegenossenschaften im Akademiehotel Rastede. Die gute Nachricht: Die genossenschaftlichen Mitgliedsunternehmen der Agrar- und Energiewirtschaft sind solide aufgestellt und konnten das Geschäftsjahr 2019 erfolgreich abschließen.

Mit Blick auf die Herausforderungen der Corona-Pandemie sind die Verbandsdirektoren Johannes Freundlieb und Axel Schwengels zuversichtlich: „In dieser nie da gewesenen Krise haben wir uns alle auf die essenziellen Dinge des Lebens besonnen. Mehr denn je zeigt sich, wie wir alle auf ein funktionierendes, starkes Gesundheitssystem und auf eine zuverlässige Versorgung mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs angewiesen sind. Unsere Ländlichen Genossenschaften und Gesellschaften leisten ihren Beitrag zur Grundversorgung: Sie unterstützen die Versorgung mit Nahrungsmitteln, sie produzieren Futtermittel für die Tiere und halten Lieferketten aufrecht. Sie stellen kritische Infrastruktur zur Verfügung. Auch die Genossenschaftsbanken stehen den Unternehmen als verlässliche Partner zur Seite und sichern die Unternehmensliquidität. In dieser Krise sind mehr denn je die genossenschaftlichen Werte gefragt – Solidarität, Selbsthilfe und regionale Ausrichtung. Obgleich das Jahr 2020 von der Corona-Krise überschattet werden wird, erwarten wir in Besinnung auf die genossenschaftlichen Werte daher langfristig eine Belebung der Genossenschaften“, führte Verbandsdirektor Johannes Freundlieb zu Beginn der Pressekonferenz aus.

Herausfordernde Zeiten für Ländliche Genossenschaften und Gesellschaften

Auf die Ländlichen Genossenschaften und Gesellschaften wirkten die schwelenden Debatten in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft wie ein Brennglas: Der Markt wird bestimmt durch die Globalisierung, internationale Handelskonflikte und Rohstoffpreise, die Ernte steht unter dem Zeichen des Klimawandels, die Tierhaltung und Viehwirtschaft werden geprägt von Diskussionen zum Thema Tierwohl und die Kundenbeziehungen verändern sich durch die Digitalisierung. „Doch bei diesen vielfältigen Herausforderungen zeigte sich, dass die ländlichen Mitgliedsunternehmen Veränderungen annehmen und den Transformationsprozess aktiv gestalten. Denn sie sind Teil der Lösung. Mit dieser Haltung gelang es ihnen in fast allen Geschäftssparten trotz zahlreicher externer Einflussfaktoren erneut solide Zuwächse zu erzielen“, fasste Freundlieb die Geschäftsergebnisse zusammen.

Obst- und Gemüsegenossenschaften

Für die beiden dem Verband angehörenden Obst- und Gemüsegenossenschaften verlief das Jahr 2019 gut: Der Umsatz konnte auf 301,0 Millionen Euro ausgebaut werden (Vorjahr: 292,0 Mio. Euro), was einem Plus von drei Prozent entspricht. Während sich die Bilanzsumme um fünf Prozent verringerte und 76,0 Millionen Euro erreichte (Vorjahr: 80,0 Mio. Euro), stieg das Eigenkapital um sechs Prozent auf 26,0 Millionen Euro (Vorjahr: 25,0 Mio. Euro). Die Eigenkapitalquote belief sich am Jahresende 2019 auf durchschnittlich 34,2 Prozent (Vorjahr: 31,3 Prozent).

Warengenossenschaften

Die dem Verband angehörenden 40 Warengenossenschaften und -gesellschaften haben nach Angaben des Verbandsvorstandes in 2019 erneut einen Gesamtumsatz von rund 1,7 Milliarden Euro erzielt. Unter Berücksichtigung der an die Mitglieder ausgeschütteten genossenschaftlichen Rückvergütung von 6,9 Millionen Euro (Vorjahr: 8,2 Mio. Euro) wurde ein gutes Jahresergebnis von acht Millionen Euro (Vorjahr: 14,0 Mio. Euro) erzielt.

Die Jahresabschlüsse für 2019 zeigen neben der guten Ertragslage auch eine solide Vermögens- und Finanzlage. Die Eigenkapitalquote belief sich am Jahresende 2019 auf durchschnittlich 54,3 Prozent (Vorjahr: 54,7 Prozent). Das Anlagevermögen in Höhe von 186,4 Millionen Euro (Vorjahr: 181,0 Mio. Euro) wird im Durchschnitt komplett durch Eigenkapital finanziert.

Hauptumsatzträger der Warengenossenschaften ist der Handel mit Mischfutter (fremde und eigene Herstellung) mit 49,0 Prozent. Der Futtermittelabsatz (eigene Herstellung, Handel und Einzelfuttermittel) lag 2019 mit rund 3,2 Millionen Tonnen in etwa auf dem Niveau des Vorjahres. Das Futtermittelgeschäft läuft in den unterschiedlichen Regionen sehr heterogen. Der Markt wird vom starken, Regionen übergreifenden Wettbewerb im Absatz geprägt. Gute Entwicklungen konnten im Biofuttermittel-Segment und im Bereich der gentechnikfreien Futtermittel verzeichnet werden; ihr Absatz hat sich weiter erhöht.

Der Handel mit landwirtschaftlichen Betriebsmitteln (Pflanzenschutzmittel, Düngemittel, Saat- und Pflanzgut) machte 2019 einen Anteil von elf Prozent am Gesamtumsatz aus. Dabei wird der Bedarf dieser Güter in erheblichem Maße durch die Witterungsbedingungen beeinflusst. Der Umsatz mit Pflanzenschutzmitteln entwickelte sich mit rund 54,8 Millionen Euro ähnlich wie im Vorjahr. Bei dem Handel mit Düngemitteln machten sich die Effekte der Düngeverordnung bemerkbar: Es wurden rund 400.000 Tonnen Düngemittel verkauft. Mengenmäßig ging die Tonnage um 8,1 Prozent zurück. Der Umsatz steigerte sich preisbedingt um 10,4 Prozent. Im vergangenen Jahr konnte bei Saat- und Pflanzgut teilweise eine geringere Verfügbarkeit verzeichnet werden. Infolgedessen gingen Tonnagen und Erlöse zurück: Von Saatgetreide wurden im vergangenen Jahr 18.729 Tonnen verkauft (minus 6,2 Prozent) und die Erlöse gingen auf 14,7 Millionen Euro um 24,1 Prozent zurück. Die Tonnagen von Pflanzkartoffeln beliefen sich auf 6.608 Tonnen (minus 35,7 Prozent), die Erlöse verringerten sich auf  2,4 Millionen Euro (minus 23 Prozent). Mit einem Plus von acht Prozent entwickelte sich dagegen der Bereich Saatmais/Sämereien positiv und erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von  42,6 Millionen Euro (Vorjahr: 39,5 Mio. Euro).

Neben dem klassischen landwirtschaftlichen Geschäft ist der Handel mit Mineralölen sowie Treib- und Schmierstoffen mit einem Anteil von 19 Prozent nach dem Handel mit Mischfutter zweitgrößter Umsatzträger und fester Bestandteil des genossenschaftlichen Warenhandels. Die Raiffeisen-Genossenschaften zählen zudem zu den wichtigsten Händlern von Kraft- und Brennstoffen in Deutschland. Sie sind der fünftgrößte Betreiber von Tankstellen bundesweit, zunehmend ergänzt durch Ladesäulen für Elektromobile. Die umgesetzten Mengen an Brenn-, Treib- und Schmierstoffen hatten mit 4,4 Prozent leichte Zuwächse, während die Erlöse um 2,8 Prozent auf 325,5 Millionen Euro leicht zurückgingen. Der Rückgang liegt insbesondere am niedrigeren Preisniveau.

Nach dem „Jahrhundertsommer“ 2018 mit langanhaltender Dürre hatten die landwirtschaftlichen Unternehmen in 2019 erneut mit einer langanhaltenden Trockenheit zu kämpfen. Dennoch stand die Getreideernte2019 unter besseren Vorzeichen als im Vorjahr. Deutschlandweit konnten 44,4 Millionen Tonnen Getreide geerntet werden. In Niedersachsen wurde eine Getreideernte von sechs Millionen Tonnen eingefahren. Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse bei den Warengenossenschaften waren mit rund 574.000 Tonnen leicht rückläufig (Vorjahr: 590.000 t). Der Umsatz erhöhte sich etwas auf 117,6 Millionen Euro (Vorjahr: 116,8 Mio. Euro). Getreide machte mit über 517.000 Tonnen und Erlösen von 91,3 Millionen Euro den größten Anteil aus.

Nahezu alle dem Verband angehörenden Waren führenden Genossenschaften und Gesellschaften stützen die örtliche Nahversorgung durch den Betrieb von Raiffeisen-Märkten. In einigen Fällen wird das breite Sortiment noch zusätzlich durch einen versierten Baustoffhandel ergänzt. Die Raiffeisen-Märkte erzielten einen stabilen Umsatz von 73,5 Millionen Euro. Der Handel mit Baustoffen ging 2019 um 3,9 Prozent auf 37,7 Millionen Euro zurück.

 

Viehvermarktungsgenossenschaften

Die im Bereich der Viehvermarktung tätigen Genossenschaften und Gesellschaften erzielten in 2019 einen Umsatz von 1,1 Milliarden Euro. Gegenüber 2018 ist dies ein Plus von etwa 60,0 Millionen Euro, beziehungsweise 5,8 Prozent. Dieses Umsatzplus resultierte aus einem gestiegenen Preisniveau für Schweine und Ferkel, insbesondere in der zweiten Hälfte des Jahres infolge einer höheren Nachfrage nach Schweinefleisch verursacht durch die Afrikanische Schweinepest. Die Zahl der vermarkteten Tiere belief sich auf 6,8 Millionen Tiere (Vorjahr: 7,0 Mio. Tiere).

Die vermarkteten Stückzahlen im Bereich der Zucht- und Nutztiere (im Wesentlichen Ferkel, Läufer und Großvieh) sanken in Weser-Ems in 2019 auf 3,0 Millionen Tiere (Vorjahr: 3,2 Mio. Tiere), der Umsatz erhöhte sich dagegen auf 280,0 Millionen Euro (Vorjahr: 277,0 Mio. Euro). Die Zahl der erfassten Schlachttiere (Schweine und Großvieh) bewegte sich mit 3,6 Millionen Tiere auf dem Niveau des Vorjahres. Der Umsatz stieg insbesondere aufgrund des deutlich gestiegenen Preisniveaus für Schlachtschweine auf 742,0 Millionen Euro (Vorjahr: 689,0 Mio. Euro). Die Zahl der erfassten Hähnchen und Schafe belief sich auf etwa 250.000 Tiere (Vorjahr: 200.000 Tiere) Die Sparte machte einen Umsatz von 69,0 Millionen Euro aus (Vorjahr: 64,0 Mio. Euro).

 

„Die Viehvermarktungsgenossenschaften haben sich in den zuletzt unruhigen Jahren als Stabilitätsfaktor in der Agrarwirtschaft bewährt und ihre Marktposition weiter ausgebaut“, so Freundlieb. Zusammenfassend stellte Verbandsdirektor Freundlieb zu dieser Genossenschaftssparte fest, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse der Viehvermarktungsgenossenschaften insgesamt geordnet sind. Unter Berücksichtigung der Gewährung einer genossenschaftlichen Rückvergütung von 2,3 Millionen Euro (Vorjahr: 2,6 Mio. Euro) wurde ein gutes Jahresergebnis von 2,9 Millionen Euro (Vorjahr: 1,3 Mio. Euro) erzielt. Die Eigenkapitalquote betrug zum Jahresende solide 56,2 Prozent (Vorjahr: 54,7 Prozent). Das gesamte Anlagevermögen wird ebenfalls durch Eigenkapital finanziert.

 

Molkereigenossenschaften

Insgesamt erwirtschafteten die unserem Verband angehörenden fünf Molkereigenossenschaften und -gesellschaften in 2019 einen Umsatz in Höhe von 6,5 Milliarden Euro und erzielten damit die Umsatzzahlen des Vorjahres.

 

Die Molkereien stellen sich dabei den immer größer werdenden Herausforderungen auf dem global vernetzten Milchmarkt und stehen im Spannungsfeld einer von den Mitgliedern gewünschten hohen Milchgeldauszahlung und einer gesunden Eigenkapitalbasis. Um die Produktionsbasis zu sichern und Marktanteile nicht zu verlieren, werden Premium-Produkte entsprechend der Verbraucherwünsche entwickelt und verstärkt Milchprodukte exportiert.

Der Milchmarkt zeigte sich nach den in den Vorjahren zu beobachtenden starken Schwankungen 2019 in einer ausgeglichenen Verfassung. Das Milchaufkommen lag deutschlandweit auf Vorjahresniveau, dabei hat die Bedeutung von Bio-Milch zugenommen. Der Milchauszahlungspreis in Niedersachsen lag mit durchschnittlich 32,85 Cent/kg (2018: 33,72 Cent/kg) unter dem Bundesdurchschnitt von 33,70 Cent/kg.

 

Ländliche Genossenschaften: Auswirkungen der Corona-Pandemie und Ausblick

Der Corona-Virus schlägt sich bei den Viehgenossenschaften und -gesellschaften auf die Preise nieder: Während der Pandemie ging der Absatz von Schweine- und Rindfleisch drastisch zurück und auch die Exporte wurden weniger. Lange geschlossene Restaurants und Kantinen sowie die Absage von Großveranstaltungen ließen die Schweinepreise einbrechen. Auch Rindfleisch ist in der Corona-Krise immer weniger gefragt und die Preise sinken. Viele  Rinderzüchter geraten unter Druck, denn die Preise waren auch vorher schon im Keller. Zur Entlastung der Rinderzüchter hat die EU-Kommission beschlossen, die private Lagerhaltung für Rindfleisch zu unterstützen.  

Die Corona-Pandemie hat auch spürbare Auswirkungen auf den Milchmarkt. Auf der einen Seite belasten erhebliche Absatzeinbußen durch ein erschwertes Exportgeschäft und die weggebrochenen Absatzmöglichkeiten in der Gastronomie und bei den Großverbrauchern. Belebend wirkt auf der anderen Seite eine deutlich erhöhte Nachfrage aus dem Lebensmitteleinzelhandel. Hier war insbesondere eine starke Nachfrage nach H-Milch, abgepacktem Käse und Butter zu spüren. Dieser Nachfrageschub kann aber per Saldo die Rückgänge aus dem Export- und Großverbraucherbereich nicht kompensieren. Hoffnungsvoll stimmen die jüngsten Lockerungsmaßnahmen, die insbesondere wieder die Nachfrage aus der Gastronomie und weiteren Großabnehmern beleben und auch zu wieder ansteigenden Exporten, beispielsweise in die Urlaubsregionen Europas, führen werden. Für weitere, zumindest kurzfristige Entlastung sorgt auch auf dem Milchmarkt die von der EU-Kommission beschlossene private Lagerhaltung für Käse, Butter und Magermilchpulver.

Bei den Warengenossenschaften führten insbesondere der deutliche Rückgang der gewerblichen und privaten Mobilität aufgrund des allgemeinen Lockdowns zu einem Absatzrückgang bei den Treibstoffen. Auf der anderen Seite haben viele Menschen die durch die Kontaktbeschränkungen entstandene Zeit zu Hause für Heim- und Gartenarbeiten genutzt, was einen deutlichen Nachfrageschub bei den Heim- und Gartenmärkten zur Folge hatte. Neben den spezifischen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die jeweiligen Märkte waren und sind alle Genossenschaften mehr oder weniger stark von organisatorischen Herausforderungen betroffen, insbesondere durch die Kontaktbeschränkungen und Schulschließungen. Ihnen allen ist es gelungen, die Betriebsorganisation so anzupassen, dass die Versorgungssicherheit stets gewährleistet war.

„Doch allen negativen Wirkungen des Corona-Virus zum Trotz, so hat sich auch gezeigt, dass die Krise auch einen positiven Effekt hat: Die Wertschätzung der Verbraucher für die lokale Produktion und Vermarktung von Lebensmitteln steigt. Auch der Aspekt der Versorgungssicherheit bekommt eine deutlich stärkere Bedeutung. Zu hoffen bleibt, dass diese Werte auch nach Überwindung der Krise durch den Verbraucher honoriert werden“, so Verbandsdirektor Schwengels.

Auch jenseits von Corona sehen die Ländlichen Genossenschaften und Gesellschaften Herausforderungen entgegen: „Der Klimawandel ist spürbar, bereits jetzt zeigen sich geringe Niederschlagsmengen. Auch in diesem Jahr hat die trockene Witterung den Betriebsmittelmarkt bereits im Griff. Weiterhin wird die Düngeverordnung voraussichtlich zu einem weiteren Rückgang der Tonnagen an Düngemitteln führen. Auf der anderen Seite wird durch die neuen Düngeregeln der Beratungsbedarf der Landwirte größer, was perspektivisch den Ausbau eines entsprechenden Beratungsangebotes durch unsere Genossenschaften fördert“, stellte Schwengels fest.

Die Debatten um Nutztierhaltung wurden im Zuge der Corona-Krise neu befeuert. „Fest steht, dass die Nutztierhaltung verändert werden muss, um in Deutschland eine gute Zukunft und gesellschaftliche Akzeptanz zu haben. Doch hier warten die Landwirte und Unternehmen der Agrarwirtschaft auf Perspektiven, denn Tierhaltung muss sich auch rechnen und auf den internationalen Märkten behaupten können. Die Empfehlungen der Borchert-Kommission zum Umbau der Tierhaltung sind in Politik und von Verbänden insgesamt positiv aufgenommen worden. Bei allen Veränderungen sollte jedoch – wie die Corona-Krise zeigt – ein Selbstversorgungsgrad nahe 100 Prozent im Blick behalten werden. Selten hat es so einen Konsens gegeben. Diese Chance darf nicht vertan werden, hier gilt es ‚am Ball zu bleiben‛ und auch die Zukunftskommission Landwirtschaft einzusetzen, um der Nutztierhaltung in Deutschland eine Zukunftsperspektive zu geben“, appellierte Schwengels. Alle Maßnahmen zur Erhöhung des Tierwohls gehen mit reduzierten Tierbeständen einher, was wiederum entsprechende Auswirkungen, insbesondere auf die Viehvermarktungs- und Warengenossenschaften, haben wird.

 

Energiegenossenschaften

Ende 2019 waren in Weser-Ems 71 Energiegenossenschaften mit einer Mitgliederzahl von etwa 19.000 Personen in unterschiedlichen Geschäftsbereichen tätig. Neben den Energiegenossenschaften gehören auch zwölf Windparkgesellschaften dem Verband an. Schwerpunkte waren hierbei die Produktion von Strom aus erneuerbaren Energiequellen, wie Wind und Sonne, sowie die Versorgung mit Strom, Gas und Nahwärme. Im Jahr 2019 lag der Gesamtumsatz aller Energiegenossenschaften in Weser-Ems stabil bei knapp 100,0 Millionen Euro.

Das erklärte Ausbauziel von 80 Prozent Stromversorgung durch Erneuerbare Energien bis 2050 zu erreichen, ist in Weser-Ems schon fast gelebte Praxis. Weser-Ems ist eine zentrale Energiedrehscheibe Deutschlands und eine der Vorreiterregionen der Energiewende. Der Windenergie kommt dabei in der Weser-Ems-Region eine besondere Rolle zu. 2019 war ein windreiches Jahr. Die Stromerzeugung aus Windenergie stellt mit 124 Milliarden Kilowattstunden (kWh) einen neuen Rekord dar und ist mit 24,6 Prozent erstmals die stärkste Energiequelle im deutschen Strommix, vor der Braunkohle.

„Doch die guten Ergebnisse sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Investitionen in die Windenergie in Deutschland 2019 weiter an Schwung verloren haben“, stellte Schwengels fest. Mit 1.078 Megawatt (MW) und 325 Anlagen im Jahr 2019 hat der Bruttozubau den niedrigsten Stand seit Einführung des EEG. Niedersachsen rangiert mit 51 neuen Windenergieanlagen bzw. 170 MW zugebauter Leistung im Ländervergleich auf dem zweiten Platz hinter Brandenburg. Der Rückgang der Investitionen um 62,5 Prozent im Jahr 2019 bundesweit macht deutlich, dass politisches Handeln erforderlich ist. „Die von der schwarz-roten Koalition beschlossene grundlegende Modernisierung der Beteiligungs-, Planungs- und Genehmigungsprozesse unter der frühzeitigeren Beteiligung von Bürgerinnen, Bürgern und beteiligten Kreisen sind erst einmal hoffnungsvolle Signale, um der Windkraft neuen Schwung zu verleihen. Für die Akzeptanz von Windparks ist Teilhabe das entscheidende Mittel. Insofern unterstützen wir auch den jüngsten Vorstoß des Wirtschaftsministers Altmaier, Windparks über eine Abgabe an die Kommunen und vergünstigte Stromtarife für Anwohner attraktiver zu machen. Genossenschaften zeichnen sich seit jeher für Teilhabe aus. Sie sind hier Vorreiter und arbeiten in vielen Fällen eng mit Kommunen zusammen. Abgaben an Kommunen sind zum Teil in ihren Satzungen verankert. Sie leisten vor Ort einen Beitrag zum Klimaschutz und halten zudem die Wertschöpfung in der Region“, führte Schwengels aus.

Der Anteil von Solarstrom an der Bruttostromerzeugung in Deutschland stieg in 2019 auf 7,4 Prozent gegenüber 6,9 Prozent im Vorjahr. Die jüngst beschlossene Abschaffung des 52 Gigawatt-Förderdeckels für neue Solaranlagen ist ein gutes Signal, um das erklärte Ziel des Ökostrom-Anteils am Stromverbrauch bis 2030 von 65 Prozent erreichen.

„Im Bereich der Nahwärme sehen wir nach wie vor weiteres Potenzial in der Errichtung von kleineren und regionalen Einheiten, die sich autark mit Wärme versorgen“, so Schwengels weiter. Neben der vergleichsweise hohen Bestandsdichte an bereits vorhandenen Blockheizkraftwerken als potentielle Wärmelieferanten bietet auch das Zusammenspiel von Kommunen und Industrie bei der Entwicklung und Erschließung von zum Beispiel Bau- oder Gewerbegebieten eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung. Genossenschaftliche Nahwärmenetze sind ein gutes Beispiel, wie lokaler Klimaschutz geht – und was eine Dorfgemeinschaft alles bewirken kann, wenn sie zusammensteht.

 

14 Neugründungen und Anzahl Nachhaltiger Schülergenossenschaften über Projektziel

Erfreuliche Nachrichten konnte Verbandsdirektor Freundlieb zum Ende der Pressekonferenz auch von der Gründungsberatung des Verbandes und vom Projekt der Nachhaltigen Schülergenossenschaften in Niedersachsen berichten. „Die genossenschaftlichen Werte scheinen den Puls der Zeit zu treffen. Insgesamt 14 neue Genossenschaften wurden im Jahr 2019 gegründet und zeigen mit ihren unterschiedlichen Geschäftsmodellen die Vielfalt der Genossenschaften. Weiterhin konnte niedersachsenweit das Projektziel der 70 Nachhaltigen Schülergenossenschaften bis 2022 bereits im Jahr 2019 erreicht werden“, freute sich Freundlieb. Mit „Max macht!“ vom Max-Windmüller-Gymnasium Emden, der „Service4U“ vom Schulzentrum Lohne und der „SnackPoint“ von der Oberschule Wiefelstede sind dem landesweiten Projekt der Nachhaltigen Schülergenossenschaften in 2019 drei neue Teilnehmer im Bereich Weser-Ems beigetreten. „Das Projekt Nachhaltige Schülergenossenschaften hat sich seit seinem Start im Jahr 2006 als wertvolles pädagogisches Modell bewährt und bietet eine wertvolle Erfahrung für unsere Fachkräfte und Genossenschaften von morgen“, resümierte Freundlieb.