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Indische Delegation besucht Genossenschaften in Weser-Ems

veröffentlicht im Genossenschafts-Magazin Weser-Ems, Ausgabe 01/2017

Der Deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband organisierte für die Fortbildung einer neunköpfigen Delegation aus Indien für den Zeitraum vom 6. bis 11. November eine Fachbesuchsreise nach Deutschland.

Die Gruppe setzte sich aus fünf Mitgliedern des DGRV-Partners APMAS, dem Präsidenten der Telangana State Cooperative Apex Bank, dem Direktor der Armutsbekämpfungsabteilung der Telangana Regierung und zwei Vertreterinnen ländlicher Selbsthilfegruppen zusammen.

Ziel der Studienreise war es, den Teilnehmern einen Einblick in das deutsche Genossenschaftswesen, seine Organisationen und Sicherungssysteme zu vermitteln. Hintergrund ist der geplante Aufbau eines Aufsichts- und Sicherungssystems für den indischen Genossenschaftssektor. Schwerpunkte der Reise waren neben den Themen Aufsicht, Einlagensicherung und Prüfung das Kennenlernen von genossenschaftlichen Unternehmen aus dem Bereich Landwirtschaft und die Bedeutung der Genossenschaften für den deutschen Mittelstand.

Die Gruppe besuchte den Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) in Bonn, die Raiffeisenbank Wiesedermeer-Wiesede-Marcardsmoor eG, die Raiffeisenbank Lorup eG, die DZ BANK und die Deutsche Bundesbank sowie den Genossenschaftsverband Weser-Ems und die Genossenschaftsakademie Weser-Ems sowie die Raiffeisen-Warengenossenschaft Ammerland-OstFriesland eG. Die Organisation und die fachliche Begleitung des Besuchs wurden vom Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV) umgesetzt.

Als Auftakt der Fachbesuchsreise stellte der DGRV die deutsche Genossenschaftsorganisation mit ihren Verbandsstrukturen vor. Bei ihrem Besuch des BVR erhielten sie Informationen zu dem Sicherungssystem des genossenschaftlichen Finanzsystems. Weitere Auskünfte hierzu erhielt die Gruppe während des Besuches der DZ BANK in Hannover. Abgerundet wurden die Informationen mit einem Besuch bei der Deutschen Bundesbank, wo die Aufgaben der Bundesbank und ihre Einordnung in das europäische Finanzsystem erläutert wurden.

Besuch der Raiffeisenbank Wiesedermeer-Wiesede-Marcardsmoor eG und der Raiffeisenbank Lorup eG

Um die Organisation und Bedeutung der einzelnen Genossenschaftsbanken kennen zu lernen, wurden zwei Raiffeisenbanken in der Weser-Ems-Region besucht: die Raiffeisenbank Wiesedermeer-Wiesede-Marcardsmoor eG und die Raiffeisenbank Lorup eG. Wie die jeweiligen Vorstandsmitglieder Heiko Wasserthal und Jürgen Schenzel berichteten, zählen beide Institute zu den kleineren Genossenschaftsbanken Deutschlands. Dennoch sind sie von großer Wichtigkeit für die regionale Bevölkerung und haben eine Besonderheit, die sie auszeichnet. Die Raiffeisenbank Wiesedermeer-Wiesede-Marcardsmoor eG gehört zu den wenigen Genossenschaftsbanken, die das Warengeschäft betreiben. Dadurch ist die Bank mit ihren 1044 Mitgliedern in der Lage, nicht nur finanzielle Dienstleistungen, sondern auch die Nachfrage nach Waren zu bedienen. Die Raiffeisenbank Lorup eG fördert die Region mit einem Windparkprojekt und integriert dadurch Mitglieder der Gemeinde Lorup in die Entwicklung der Umgebung.

Besuch der Raiffeisen-Warengenossenschaft Ammerland-OstFriesland eG

Für das Verständnis der Bedeutung von Genossenschaften für die ländliche Bevölkerung Deutschlands besuchte die Delegation die Raiffeisen-Warengenossenschaft Ammerland-OstFriesland eG in Wiefelstede. Geschäftsführer Hermann Mammen, Vorstandsmitglied Helge Lübkemann und Aufsichtsratsmitglied Armin Ohmstede begrüßten die Gruppe und gaben tiefe Einblicke in die Vielfältigkeit der unterstützenden Dienstleistungen der Genossenschaft für die Landwirte und die regionale Bevölkerung sowie in den Aufbau landwirtschaftlicher Betriebe, ihre Innovationen und Schwierigkeiten.

Besuch der Genossenschaftsakademie Weser-Ems

Abschließend wurde die indische Delegation von Prüfungsdienstleiter Axel Schwengels in die Aufgaben des Genossenschaftsverbandes Weser-Ems als regionaler Prüfungsverband und Dienstleister für die Genossenschaften der Region sowie in die Rolle der Genossenschaftsakademie Weser-Ems im genossenschaftlichen Aus- und Fortbildungssystem eingewiesen.

Hintergrund

Im Rahmen seiner internationalen Zusammenarbeit und unterstützt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) kooperiert der DGRV in Indien bereits seit 2007 mit dem lokalen Partner APMAS (Andhra Pradesh Mahila Abhivruddhi Society), spezialisiert auf Weiterbildung im Genossenschaftssektor, in der Beratung und Entwicklung genossenschaftlich organisierter Selbsthilfegruppen (SHG). Mit Hilfe des DGRV konnte bis 2011 ein genossenschaftliches Selbstregulierungs- und Kontrollsystem (Sector-Own Control, SOC) in einigen SHG im Bundesstaat Andhra Pradesh eingeführt werden. Derzeit unterstützt der DGRV gemeinsam mit APMAS den indischen Genossenschaftssektor in dem Aufbau eines Sicherungs- und Stabilisierungssystems, welches in den kommenden Jahren erfolgreich etabliert werden soll.

In Indien spielen sowohl Kredit- als auch landwirtschaftliche Genossenschaften seit Ende des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle für den Zugang von Menschen in marginalisierten Regionen zu Finanzdienstleistungen und der Wertschöpfungskette des Realmarktes. Seit den 90er Jahren fördert der indische Staat Strukturen genossenschaftlicher Selbsthilfegruppen zur wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung insbesondere ländlicher Regionen. Derzeit gibt es in Indien rund acht bis zehn Millionen. ländliche Selbsthilfegruppen (SHGs), davon sind rund 90 Prozent Frauengruppen. Sie unterstützen ihre Mitglieder mit Finanzdienstleistungen, mit Input-/Marketingleistungen bei landwirtschaftlichen und/oder gewerblichen Tätigkeiten sowie in sozialen und kulturellen Bereichen. Ähnlich dem deutschen Genossenschaftsmodell haben die SGHs mehrstufige (formale) genossenschaftliche Sekundärinstitutionen zur Unterstützung der lokalen SHGs aufgebaut. Diese sogenannten Federations sind gemischtwirtschaftliche Genossenschaften wie sie früher bei den Raiffeisengenossenschaften weit verbreitet waren.

Der DGRV zielt mit seinen Projekten vor Ort darauf ab, den Genossenschaftssektor in Indien zu stärken und somit einen Beitrag zur Armutsverringerung zu leisten. Zu seinen unterstützenden Maßnahmen zählen neben der Arbeit vor Ort die enge Zusammenarbeit mit seinem Projektpartner APMAS und die Durchführung von Fachprogrammen in Deutschland für Vertreter der Partnerorganisation und anderer projektrelevanter Stakeholder zur Verstärkung des Wissenstransfers und Erfahrungsaustausches. Ziel der Fachbesuche ist, das deutsche Genossenschaftssystem kennenzulernen, um Stärken und Schwächen des eigenen Genossenschaftssektors besser einschätzen zu können sowie Impulse und Inspiration für die weitere institutionelle Entwicklung des Genossenschaftssektors zu erhalten.

Die Fachbesuchsreise war für die indische Delegation von hohem Wert; trotz der Heterogenität der Gruppe konnte jeder Teilnehmer wertvolle Erkenntnisse erlangen. Es ist geplant, vieles des Erlernten in naher Zukunft in angepasster Form in Indien umzusetzen. Besonders aufgefallen sind die Details, mit denen die indische Delegation in den Besuchsstationen empfangen wurde.

Text: Katharina Rohde, Master Development Studies, Abteilung Internationale Beziehungen, Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV)