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Union Investment-Konferenz rückt Finanzbildung in den Fokus

veröffentlicht im Genossenschafts-Magazin Weser-Ems, Ausgabe 07/2018

Wie kann man das Wissen beim Thema Finanzen verbessern? Wer sollte bei der Vermittlung von Finanzwissen die Verantwortung haben und auch wahrnehmen? Braucht es ein eigenes Schulfach oder reichen bestehende Lehrpläne? All diese Fragen standen im Mittelpunkt der Union Investment Konferenz „Finanzbildung – im Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ in Berlin.

 © Union Investment
Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment, eröffnet die Finanzbildungskonferenz.

Experten aus Schule, Politik, Wirtschaft und Banken gaben in mehreren Gesprächsrunden vielfältige Antworten und verdeutlichten, dass Handlungsbedarf besteht. Den Anfang machte Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment, der in seiner Begrüßung auf das Thema einstimmte. Er verdeutlichte, wieso Finanzbildung so wichtig ist: „Die finanzielle Bildung in der Bevölkerung zu fördern, ist ein wichtiges Ziel und gleichzeitig eine gesellschaftspolitische Herausforderung mit großem Einfluss auf den Wohlstand in unserem Land“, sagte er. Denn bereits heute gelten rund sieben Millionen Bundesbürger als überschuldet, davon sind 14 Prozent unter 30 Jahre alt. Gleichzeitig erleiden deutsche Sparer Ertragseinbußen in Milliardenhöhe, weil sie überwiegend zinsbasiert anlegen. „Der Kampf gegen Überschuldung oder gegen Vermögensverluste durch nicht zeitgemäße Anlageentscheidungen werden zu wenig thematisiert. Dabei entfaltet finanzielle Bildung insbesondere hier eine große Hebelwirkung für alle Teile der Gesellschaft“, betonte er.  

Eigenverantwortung durch mehr Wissen

Peer Steinbrück, Bundesfinanzminister a. D. und Keynote-Speaker auf der Konferenz, hält es für ein zentrales Problem in Deutschland, dass das Wissen über wirtschaftliche und finanzielle Zusammenhänge unterentwickelt ist. Das habe Folgen für die Geldanlage: „Historisch bedingt hängen die Deutschen an ihrem Sparbuch. Das ist nachvollziehbar, denn die letzten Generationen haben Zeiten durchlebt, in denen sie Geld verloren haben. Anleger wollen daher auch heute noch lieber auf der sicheren Seite sein“. Steinbrück betonte aber auch die Eigenverantwortung jedes Einzelnen. „Klar ist: Auch bei Finanzthemen ist jeder für sich selbst verantwortlich. Daher kann der Staat höchstens über Veränderungen im Bildungssystem aktiv werden und dafür sorgen, dass durch mehr Wissen die Eigenverantwortung und die Entscheidungsfähigkeit des Einzelnen gestärkt wird“. Wie wichtig den Konferenzteilnehmern  Dialog und Gedankenaustausch sind, wurde in der anschließenden Fragerunde deutlich, in der Peer Steinbrück sich zahlreichen Fragen aus dem Publikum stellte.

Nur Schule und Eltern in der Verantwortung?

Die erste Paneldiskussion unter der Überschrift „Schulen am Limit, Eltern ohne Plan. Was läuft falsch?“ thematisierte Rolle und Möglichkeiten von Schule und Eltern. Bundeselternrat Stephan Wassmuth, aber auch der Wirtschaftspädagoge Dr. Volker Bank plädierten für eine Zusammenarbeit zwischen Schule bzw. Universität, Eltern und auch Finanzdienstleistern. Die Verbraucherschützerin Dr. Annabel Oelmann sieht schon beim Grundlagenwissen Defizite. FDP-Generalsekretärin Nicola Beer möchte ein besseres Image für das Thema insgesamt: „Wir müssen das Thema Finanzbildung gesamtgesellschaftlich aus der Schmuddelecke holen: Wirtschaft, Finanzen und Politik gehören zusammen“, betonte sie. BVR-Vorstand Dr. Andreas Martin wies darauf hin, dass es bei der Wissensvermittlung Lösungen jenseits von Produkten braucht und verwies auf das Portal ‚Jugend und Finanzen‘.

Das "Wie" ist vielfältig

In der zweiten Runde diskutierten die Experten das „wie“. Unter dem Titel „Informieren, überzeugen, begeistern: wie und wo?“ erläuterte Dominik Drobisch von der TSG Hoffenheim, dass der Bildungsauftrag im dortigen Nachwuchsleistungszentrum eine wichtige Rolle spielt. Klaus Holstein vom hessischen Kultusministerium konstatierte, dass Schulen zunehmend das Problem haben zu kompensieren, was Eltern nicht leisten – auch bei ökonomischer Bildung. Thomas Guntermann vom Elternblog ‚ichbindeinvater.de‘ hingegen sagte: „Ökonomische Bildung liegt ganz stark bei den Eltern. Ich bin weit entfernt das Thema komplett den Schulen zuzuschieben“.

Erfolgreiche Projekte

In der Runde „#ideenreich – wie Volksbanken Raiffeisenbanken Finanzwissen teilen“ standen besonders kreative Projekte im Fokus. So zum Beispiel die Aktionen „Woast’as?“ und „FETE“ der Volksbank Raiffeisenbank Rosenheim-Chiemsee, die Schul-Kooperation der Volksbank Bruchsal-Bretten, das Projekt „Finanzpaten“ der Wiesbadener Volksbank, die Finanzbildungstage der Hannoverschen Volksbank und die Schülergenossenschaft GENOWA. Über weitere Aktivitäten konnten sich die Konferenzteilnehmer auf einer Messefläche informieren und in den Austausch mit den Initiatoren gehen. Bei Betrachtung all dieser Aktivitäten war schnell festzustellen: Beim Thema Finanzbildung dürfen nicht nur Informationen gesendet werden. Gute Projekte zur finanziellen Bildung überzeugen durch ihren Praxisbezug und ihre Anschlussfähigkeit, denn dann entfalten sie eine Breitenwirkung.

Abheben und am Ball bleiben: Geld im Sport

Zum Abschluss eines informativen Konferenztages konnten die Teilnehmer noch erfahren, wie die ehemaligen Profisportler Sebastian Kehl und Dieter Thoma mit dem Thema Geld umgehen. Beide Sportler stammen aus Gastronomen-Familien – hier haben sie gelernt, wie hart Geld verdient wird und versuchen, dies auch selbst ihren Kindern näherzubringen. Aber auch Profifußballer haben klein angefangen: Sebastian Kehl gestaltete gemeinsam mit seinem Vater das Management und die Anlagestrategie des ersten Profi-Verdienstes. Auch bei Dieter Thoma hatte der Vater großen Anteil an Entscheidungen rund um die Finanzen. Allerdings: „Als ich mit dem Sport anfing, gab es überhaupt keine Preisgelder. Für meinen ersten Sieg bei der Vierschanzentournee gab es eine Geschenkkork“, erzählte der ehemalige Skispringer.