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Wissenschaft und Praxis im Gespräch zum Thema: „Digital und nah – Genossenschaftsbanken gestalten ihre Zukunft“

veröffentlicht im Genossenschafts-Magazin Weser-Ems, Ausgabe 03/2019

Die neueste Veranstaltung der erfolgreichen Reihe „Wissenschaft und Praxis im Gespräch“ widmete sich dem aktuellen Thema „Digital und nah – Genossenschaftsbanken gestalten ihre Zukunft“. Über 300 interessierte Teilnehmer waren der Einladung des Instituts für Genossenschaftswesen unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Theresia Theurl gefolgt.

 © Institut für Genossenschaftswesen
Brachten sich in die Veranstaltung des Instituts für Genossenschaftswesen ein (v. l.): Frank Ostertag, Jürgen Pütz, Andreas Kinser, Dr. Christian Brauckmann, Klaus-Peter Bruns, Prof. Dr. Theresia Theurl, Dr. Jan Koserski, Wolfgang Klotz, Dr. Wolfgang Baecker, Dr. Lars Witteck

Dass die Digitalisierung die Bankwirtschaft grundlegend verändern wird, ist in den vergangenen Jahren bereits deutlich geworden. Auch die genossenschaftliche FinanzGruppe stellt sich diesen Herausforderungen, die gemeinsame Produkte und Standards ebenso verlangen, wie individuelle Anstrengungen vor Ort. Dabei gilt zu beachten, dass „digital“ und „nah“ sich nicht ausschließen müssen, sondern vielmehr eine sehr gute und zukunftsorientierte Kombination bilden können.

Wolfgang Klotz, Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Volksbank eG Böblingen sowie Vorsitzender des Fachrates IT und Mitglied im SPSA des BVR, eröffnete die Veranstaltung mit seinem Vortrag zum Thema „Digitalisierung: Gemeinsame Anstrengung, lokale Umsetzung“. Er präsentierte einen Überblick über die Auswirkungen der Digitalisierung und wie aktuell mit dieser Thematik in der FinanzGruppe und lokal in der Bank vor Ort umgegangen wird. Die Digitalisierungsstrategie der FinanzGruppe wird offensiv und unter Einsatz nicht unerheblicher finanzieller Ressourcen vorangetrieben.

Andreas Kinser, Vorstand der Grafschafter Volksbank eG, thematisierte in seinem Vortrag „DigiCoach – Mitarbeiter fit machen für die Digitalisierung“ welchen Beitrag digital gut ausgebildete Mitarbeiter für den nachhaltigen Erfolg einer Genossenschaftsbank leisten.

Dr. Wolfgang Baecker, Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Westmünsterland eG, referierte mit dem Thema „#allesbleibtanders – Digitales Banking von Mensch zu Mensch“ über die Bedeutung der Anpassungsfähigkeit der Genossenschaftsbanken im Zuge der Digitalisierung sowie über die Potenziale von Chatbots als textbasierte Dialogsysteme zur Wahrung der filialbasierten Kundenschnittstelle. Dazu berichtete er über den seit einem Jahr erfolgreichen Einsatz des Chatbots „VRanzi“, der dem Kunden auf Grundlage künstlicher Intelligenz Fragen beantwortet und zum Servicecenter überleiten kann.

Jürgen Pütz, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Köln Bonn eG, zeigte mit seinem Vortrag „Crowdfunding – mit Plattformen für Region und Gesellschaft“ auf, wie die Genossenschaftsbanken die Idee des Crowdfunding und Crowdinvesting in die FinanzGruppe integriert haben. Im Bereich Crowdfunding erwähnte er die Plattform „all zesamme“ der Volksbank Köln Bonn eG. Als Beispiel für Crowdinvesting nannte er die VR-Bank Würzburg. Neben vielen positiven Faktoren bestehe jedoch vor allem ein Reputationsrisiko, falls die angenommenen Projekte eine unerfreuliche Entwicklung nehmen.

Abschließend widmeten sich die insgesamt fünf Diskutanten der Podiumsdiskussion unter Moderation von Univ.-Prof. Dr. Theresia Theurl den Genossenschaftsbanken im Umfeld von Plattformen, Big Data und künstlicher Intelligenz. Dabei skizzierte zu Beginn Dr. Jan Koserski, Partner und Managing Director der Boston Consulting Group, die Digitalisierung als vermeintlich alten Bekannten, der nun ungeahnt drastische Züge offenbart. Nötig sei es daher, die Kundenschnittstelle konsequent zu überarbeiten und Mut zur Automatisierung zu zeigen. Damit könnten im Ausland bereits erzielte Entwicklungen, wie zum Beispiel ein nahezu vollständig bargeldloser Zahlungsverkehr, auch in Deutschland nachvollzogen werden. Die genossenschaftliche FinanzGruppe müsse sich hierbei jedoch nicht verstecken, sondern ihre Stärken ausbalancieren: Ein starker zentraler Oberbau mit gutem Rating einerseits und eine agile, dezentrale Organisation aus den vielen Mitgliedern andererseits.

Angst vor den Entwicklungen müsse man sicherlich nicht haben, vielmehr mache die Beschäftigung bei genauer Betrachtung sogar Spaß, reüssierte Dr. Christian Brauckmann, Vorstandsmitglied der DZ BANK AG. Die Rolle der DZ BANK ist klar: Man müsse in den Bereichen investieren, in denen es sich für eine Bank der Gruppe alleine nicht lohnen würde. VR-Business Online, VR International und die elektronische Kreditakte sind nur einige von vielen erfolgreichen Beispielen. Lehren aus Projekten der Vergangenheit seien dabei gleichzeitig auch, dass man schneller werden müsse. Zudem gelte es, zentral die Themen der Cloud, der Cyber Security und letztlich auch der Arbeitgeberattraktivität voranzutreiben, um der Zukunft weiterhin guten Mutes entgegentreten zu können.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen würde auch heute wieder eine VR-Bank gründen, war sich Dr. Lars Witteck, Vorstand der Volksbank Mittelhessen eG, sicher – und wahrscheinlich auch erneut als Filial- und nicht als bloße Online-Bank. Dennoch müsse man schneller, günstiger und vor allem innovativer werden und dürfe sich nicht auf die Loyalität der neuen Generation gegenüber ihrer lokalen Bank verlassen. Ein Rückzug auf die Position des Lieferanten, der Dienstleistungen anderer auf seiner Plattform anbietet, sei hingegen zu wenig. Orchestrator statt Lieferant sei hier die Maxime.

Im Rahmen der Digitalisierung auch die Mitarbeiter nicht zu vergessen, mahnte Frank Ostertag, Vorstand der Volksbank Wildeshauser Geest eG, an. Digitalisierung könne auch nach innen, zum Beispiel in Form eines „internen Facebook“, zum transparenten Ideen- und Meinungsaustausch eingesetzt werden. Gleichzeitig ermögliche es die Technik dem Berater heute, sich dem Kunden als vorausschauender Problemlöser anzubieten. Ein Potenzial, das es zu nutzen gelte.

Dass man bei der Entwicklung interner wie externer Digitalangebote in der genossenschaftlichen FinanzGruppe dezentral organisiert ist und mitunter auch parallele Entwicklungen nicht scheut, empfindet Klaus-Peter Bruns, Vorsitzender des Vorstandes der Fiducia & GAD IT AG, dabei als große Stärke. Eine klare, lineare Abarbeitung möge zwar in der Theorie wünschenswert sein, sie entspräche jedoch nicht den aktuellen Gegebenheiten.

Dr. Witteck betonte, nicht die Größe des einzelnen Instituts sei aus seiner Sicht entscheidend, um das vorhandene Digitalangebot gewinnbringend zu nutzen, sondern die gemeinsame Entscheidung für und konsequente Umsetzung einzelner, in der Gruppe erdachter Lösungen. Weitgehende Einigkeit herrschte schließlich auch in Bezug auf die nötige Zukunftsstrategie der Genossenschaftsbanken, um ihr einzigartiges Geschäftsmodell auch in digitalen Zeiten erfolgreich bewahren zu können: den Kunden konsequent in den Mittelpunkt stellen und die Veränderungen aktiv angehen – denn wie Prof. Theurl abschließend feststellte: „Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben“, und somit keine adäquate Strategie.