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21. Agrar-Treffpunkt Weser-Ems: „Aktuelles zum landwirtschaftlichen Steuerrecht“

veröffentlicht im Genossenschafts-Magazin Weser-Ems, Ausgabe 08/2019

Der auf Initiative des Arbeitskreises Landwirtschaft ausgerichtete 21. Agrar-Treffpunkt Weser-Ems befasste sich mit aktuellen landwirtschaftlichen Steuergesetzänderungen.

 © Beermann, Gerdes & Gilbers
Dr. Hilmar Gerdes, Steuerberater mit Schwerpunkt Land- und Forstwirtschaft (Sozietät Beermann, Gerdes & Gilbers Steuerberater und Wirtschaftsprüfer), referier- te zu Neuigkeiten im landwirtschaftlichen Steuerrecht.

Praxisnah berichtete Dr. Gerdes über Themen, die den Teilnehmern aus den Volksbanken und Raiffeisenbanken und den Ländlichen Genossenschaften im Beratungsalltag mit Kunden, aber auch bei der Auswertung landwirtschaftlicher Buchabschlüsse begegnen können.

Abschreibung geringwertiger Wirtschaftsgüter
So seien die Grenzen für die Sofortabschreibung für geringwertige Wirtschaftsgüter, sog. GWG von 410 Euro auf 800 Euro angehoben worden. Dies ermögliche, dass beispielsweise neu angeschaffte bzw. selbst zu versetzende Milchkühe nunmehr sofort abgeschrieben werden können, da ihr Wert gemäß der Gruppenbewertung bei aktuell 675 Euro/Tier liegen. Auch wertmäßig höhere, selbstständig nutzbare Wirtschaftsgüter des Anlagevermögens, deren Wert über 800 Euro liegt und somit auf den ersten Blick nicht die Anforderungen an ein GWG erfüllen, können durch die Ausnutzung eines Investitionsabzugsbetrages, bei dem vorher bis zu 40 Prozent der voraussichtlichen Anschaffungskosten außerbilanziell abgezogen werden, auf diesem Weg sofort abgeschrieben werden.

Einführung der normierten Tarifglättung fraglich
Ob die während der Milchpreiskrise als Unterstützung für die Landwirte gedachte normierte Tarifglättung gem. § 32c EStG tatsächlich kommen wird, ließ Dr. Gerdes offen. Möglich sei die Einführung erst durch einen Beschluss der EU-Kommission, dass es sich bei dieser Maßnahme nicht um eine EU-rechtliche Beihilfe handelt. Auch sei nach den Angaben der Finanzverwaltung eine solche Tarifglättung über jeweils drei Dreijahreszeiträume technisch auch noch nicht umsetzbar, obgleich die Glättung seit 2014 erfolgen solle. Aus Sicht des Referenten gäbe es im Bereich der Gewinnglättung ohnehin bereits eine Vielzahl von Möglichkeiten die Gewinne zu glätten, sodass der Erfolg der Einführung eher als gering einzuschätzen sei.

Baugesellschaft als Vorschaltgesellschaft nicht mehr möglich
Gemäß einem Urteil des Bundesfinanzhofes (V R 35/17 v. 01.03.2018) ist das von vielen Landwirten beim Bau angewendete Modell einer Baugesellschaft als Vorschaltgesellschaft, die anschließend den Stall mit den Betriebsvorrichtungen an einen pauschalierenden Landwirt umsatzsteuerpflichtig verpachtet, nicht mehr möglich, da die entsprechende Option des Verpächters gem. § 9 Abs. 2 UStG einen Vorsteuerabzug des Leistungsempfängers voraussetzt, was bei einem pauschalierenden Landwirt gerade nicht möglich ist. Bezüglich der Übergangsregelungen hat sich die Finanzverwaltung bisher nicht geäußert.


Mitunternehmerschaft zwischen Ehegatten
Eine Gefahr der steuerlichen Verstrickung von eigentlich als Privatvermögen zu bewertenden landwirtschaftlichen Flächen eines Ehegatten kann entstehen, wenn eine unentgeltliche Überlassung an den anderen Ehegatten, der Landwirt ist, erfolgt und gleichzeitig eine Mitarbeit im Betrieb vorliegt. Auf diesem Wege kann bei einem zurverfügungstellen von mehr als 10 Prozent der gesamten Betriebsfläche als „erheblicher Ehegattenbeitrag“ aufgrund der BFH-Rechtsprechung auch ohne Gesellschaftsvertrag eine konkludente Ehegatten-Mitunternehmerschaft entstehen. Dann wären die Flächen des Privatvermögens mit dem Teilwert in das Betriebsvermögen eingelegt und entstehende stille Reserven steuerverstrickt. Abhilfe könne hier durch fremdübliche Pachtverträge und evtl. abgeschlossene Arbeitsverträge geschaffen werden.

Praxistipp bei Betriebsaufgabe
Ein wichtiger Aspekt in der steuerlichen Beratung sei laut dem Steuerberater auch bei der Aufgabe landwirtschaftlicher Betriebe zu beachten. Grundsätzlich wären Betriebe, die nur verpachtet sind, weiterhin als Betriebsvermögen einzustufen, da der Verpächter sein Verpächterwahlrecht ausüben könne und so die stillen Reserven bei einer Betriebsaufgabe zunächst nicht versteuern müsse. Gerade hier kann es aber bei kleineren landwirtschaftlichen „Restbetrieben“ interessant sein, steuerrechtliche Vergünstigungen wie einen Freibetrag von 45.000 Euro gem. § 16 Abs. 4 EStG bzw. einer Versteuerung mit 56 Prozent des Durchschnittssteuersatzes gem.
§ 34 Abs. 3 EStG in Anspruch zu nehmen, wenn der Betriebsinhaber das 55. Lebensjahr vollendet hat bzw. dauernd berufsunfähig ist. Dies sei insbesondere bei einer evtl. späteren Veräußerung bzw. geplanten Überführung ins Privatvermögen, z. B. bei einer Wohnhausbebauung oder Übertragung an die Kinder, interessant.

Zum Schluss berichtete Dr. Gerdes noch über die umsatzsteuerliche und ertragsteuerliche Auswirkung von Entschädigungen bei Windparkflächen und der Durchführung von Leitungsprojekten. Der Vortrag endete mit einer interessanten Diskussion zu einigen Praxissachverhalten. Die Teilnehmer äußerten sich sehr zufrieden mit den ausgewählten Themen und der Praxisrelevanz zu dem Beratungsalltag im Umgang mit landwirtschaftlichen Kunden.