zur Übersicht

11. Genossenschaftstag Weser-Ems: Ärztegenossenschaften als Lösung für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum

veröffentlicht im Genossenschafts-Magazin Weser-Ems, Ausgabe 11/2019

100 Tagungsteilnehmer nahmen am diesjährigen Genossenschaftstag teil, um sich über genossenschaftliche Lösungsansätze für die Gesundheitsversorgung in Weser-Ems auszutauschen.

 © MARKUS HIBBELER
Ministerin Dr. Carola Reimann (l.) auf dem Genossenschaftstag Weser-Ems mit Verbandsdirektor Johannes Freundlieb (Mitte) und Abteilungsleiter Harald Lesch (r.).

Die Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum ist eine große gesellschaftliche Herausforderung, die sich künftig weiter verstärken wird. Ein Problem dabei ist, dass zum einen der Arztberuf selbst von der allgemeinen demographischen Überalterung betroffen ist und viele Ärzte in absehbarer Zeit die Praxis abgeben möchten. Zum anderen fehlen für potentielle Praxisnachfolger häufig die Anreize, sich auf dem Land niederzulassen. Hierauf ausgerichtet wurden auf dem 11. Genossenschaftstag unseres Verbandes am 6. November im Akademiehotel Rastede anhand von Erfahrungsberichten bestehender Genossenschaften neue Kooperationsformen in Form einer Genossenschaft vorgestellt, mit denen in den Regionen eine verantwortungsvolle medizinische Versorgung weiter gewährleistet werden kann.

 

„Unserem Verband ist es wichtig, lösungsorientierte und erfolgreiche Genossenschaftsmodelle vorzustellen, die vor Ort mit bürgerschaftlichem Engagement umgesetzt werden können. Auch für die sich abzeichnende schlechter werdende medizinische Versorgung im ländlichen Raum ist die Genossenschaft ein ideales Modell", führte einleitend Harald Lesch, Abteilungsleiter unseres Verbandes, auf dem Genossenschaftstag aus. Eingeladen waren Entscheidungsträger der Kommunen in Niedersachsen, Landräte, Kirchen, Sozialverbände, Studierende der European Medical School, Kassenärztliche Vereinigungen, Ärzte sowie Vertreter niedersächsischer Krankenhäuser.

 

„Damit auch in Zukunft eine flächendeckende und wohnortnahe Gesundheitsversorgung in Niedersachsen gewährleistet ist, braucht es innovative regionale Modelle. Die Landesregierung hat daher mit der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachen ein umfangreiches Maßnahmenpaket geschnürt. Hier nehmen Ärztegenossenschaften beispielsweise bei der Neugründung von kommunalen medizinischen Versorgungszentren eine wichtige Rolle ein. Denn die Vorteile für einen Zusammenschluss mit einer gemeinsamen Verwaltung, Infrastruktur und Wissensbasis liegen für viele Ärztinnen und Ärzte auf der Hand“, unterstrich die niedersächsische Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung Dr. Carola Reimann in ihrem Grußwort. Die Landesregierung unterstützt die Gründung von kommunalen medizinischen Versorgungszentren mit bis zu 50.000 Euro.

 

Genau hier setzt auch das Stipendienprogramm für künftige Hausärztinnen und Hausärzte des Landes Niedersachsen an, führte Dr. Reimann weiter aus: „Mit unserem Stipendienprogramm unterstützen wir Medizinstudierende, die planen, eine Tätigkeit als Hausärztin bzw. Hausarzt in einer ländlichen Region aufzunehmen. Dafür stehen jährlich 340.000 Euro bereit. Die gute Resonanz beim Medizinernachwuchs zeigt, dass das Interesse an einer hausärztlichen Niederlassung auf dem Land da ist.“

 

Mit der Gesellschaft altern auch ihre Ärzte. Fast jeder vierte niedergelassene Arzt plant nach Angaben von Verbandsdirektor Johannes Freundlieb vom gastgebenden Genossenschaftsverband Weser-Ems bis zum Jahr 2020 seine Praxis aufzugeben. Aktuell fehlen landesweit mehr als 350 Allgemeinmediziner, bis 2030 sollen 10.500 Hausärzte bundesweit fehlen. Freundlieb führte zu dieser Entwicklung aus: „Ärztegenossenschaften leisten einen wichtigen Beitrag zur langfristigen Sicherung der regionalen Versorgungsstruktur. Mediziner bekommen die Möglichkeit, auch in ländlichen Regionen ohne persönliche unternehmerische Risiken in einem festen Anstellungsverhältnis zu geregelten Arbeitszeiten in Voll- oder Teilzeitmodellen zu praktizieren.“ Er zeigte auch die Potenziale und Grenzen genossenschaftlicher Lösungsansätze für die Gesundheitsversorgung in Weser-Ems auf.

 

„Der Arztberuf befindet sich im Wandel, die Medizin wird weiblich. Dabei nimmt der Wunsch nach Work-Life-Balance stetig zu und der Trend zur Anstellung in der vertragsärztlichen Versorgung hält an“, dies bestätigte Helmut Scherbeitz, Geschäftsführer der Bezirksstelle Oldenburg der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) anhand von Maßnahmen zur Nachwuchsgewinnung auf. Scherbeitz zeigte aus Sicht der KVN auf, wie lokale Gesundheitszentren in der Hand von Ärzten in Form einer Genossenschaft aufgebaut werden können.

 

Auf großes Interesse stießen zudem die praxisnahen Vorträge von Harald Stender, Koordinator für die ambulante Versorgung im Kreis Dithmarschen, und Laura Löffler, stellv. Geschäftsführerin der ärztegenossenschaft Nord eG, zum „Büsumer Modell“ bei dem Hausärzte als Angestellte der Gemeinde praktizieren. Dr. Michael Jager, Vorstand der medicus Eifler Ärzte eG, berichtete von seiner Ärztegenossenschaft als Betreiber eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ). Zusammen mit weiteren Ärzten gab er seinen Status als Praxischef auf und wurde zu einem Genossenschaftsmitglied. „Die Genossenschaft bietet flexible und auf die persönliche Situation der Ärzte zugeschnittene Rahmenbedingungen“, so Dr. Jager.

 

Hans-Joachim A. Schade und Dr. Florian Hölzel aus der Kanzlei Broglie, Schade & Partner GbR aus Wiesbaden stellten den rund 100 Tagungsteilnehmern die rechtlichen Varianten für kommunale Medizinische Versorgungszentren und warum die begleitende Einbindung der Bevölkerung unverzichtbar ist vor. „Genossenschaften für Gesundheit und Soziales haben das Potenzial, die Bevölkerung und die regionalen Unternehmen in die Lage zu versetzen, mit den Kommunen schnell und nachhaltig zukunftsfähige Arztpraxen und Gesundheitsnetzwerke anzustoßen und zu finanzieren“, zeigten sich beide Referenten überzeugt.