zur Übersicht

Landwirtschaftstag Weser-Ems: Anforderungen und Erwartungen steigen

veröffentlicht im Genossenschafts-Magazin Weser-Ems, Ausgabe 02/2020

Rund 50 Agrarbetreuer sind Mitte Dezember zum Landwirtschaftstag Weser-Ems in das Akademiehotel Rastede gekommen, um sich über künftige wirtschaftliche Marktentwicklungen und Erwartungen der Gesellschaft und Politik zu informieren.

 © GVWE
Verbundkoordinator Ralf Peter Janik (3. v. r.) begrüßte die Referenten des Landwirtschaftstages Weser-Ems (v. l.): Ekkehard Fricke, Robert Pudelko, Mathias Klahsen, Bernhard Temmen, Dr. Kirsten Otto, Johann Kalverkamp

Landwirte stehen derzeit unter dem Einfluss vieler sich verschärfender und dabei unsicherer Rahmenbedingungen und Herausforderungen: Dabei müssen sie unter anderem die Preise auf den volatilen Agrarmärkten im Blick haben und sich gleichzeitig auch den wichtigen Investitionsfragen und -entscheidungen zur nachhaltigen Entwicklung ihrer Betriebe stellen. Nicht zuletzt stehen Landwirte unter dem Einfluss wachsender gesellschaftlicher Erwartungen, wie beispielsweise Tierwohl, Nährstoffmanagement oder Klimaschutz.

Anforderungen, die die Landwirte sorgenvoll in die Zukunft blicken lassen. Die Stimmung in der Landwirtschaft ist so schlecht wie lange nicht mehr. Dies belegen nicht nur die aktuellen Bauernproteste, sondern auch die Zahlen des DBV-Konjunkturbarometers Agrar. Der Index, den diese Umfrage ermittelt hat, fasst die Einschätzungen der aktuellen wirtschaftlichen Lage und der Erwartungen der Landwirte zusammen. Er ist von 20,4 Punkten im Juni auf 10,5 Punkte im September gefallen und liegt damit erheblich unter den Werten der letzten beiden Jahre. Mit dieser Bestandsaufnahme eröffnete Verbundkoordinator Ralf Peter Janik den Landwirtschaftstag.


ASP beeinflusst Märkte stark

Mit welchen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Entwicklungen die Landwirte künftig zu rechnen haben, präsentierte Mathias Klahsen, Fachreferent Marktberichterstattung bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, mit seinem Vortrag über die „Entwicklung der Agrarmärkte in der Zukunft“. Einhelliger Tenor: Die Afrikanische Schweinepest (ASP) beeinflusst die Märkte stark. Für den Schweinemarkt prognostizierte Klahsen auch für das kommende Jahr gute Marktchancen. Chinas wachsende Produktionslücke biete weiter die Möglichkeit steigender Exporte und hoher Preise. Gleichzeitig sinke die Nachfrage nach Schweinefleisch in Deutschland und auch die Bestände, was zur Folge hat, dass die Fleischerzeugung stetig abnehme. Lieferanten sind daher in steigendem Maße auf internationale Absatzwege angewiesen, während der heimische Markt Tierwohl und Regionalität fordert. Für Bauern, die ihre Betriebe in Richtung Tierwohl ausrichten, erwartet Klahsen für die Zukunft größere Margen.

Die ASP lässt auch globale Rindfleischimporte steigen, sodass für 2020 mit leicht steigenden Preisen zu rechnen ist. Dennoch belasten die Landwirte die Folgen der Trockenheit und eine geringe Nachfrage mit schwachen Erlösen beim „fünften Viertel“.

Für den Absatz von Milchprodukten schätzt Klahsen die Entwicklungsaussichten des europäischen Milchmarktes als günstig ein. Eine wachsende Weltbevölkerung, das globale Wirtschaftswachstum und die zunehmende Beliebtheit von Milchprodukten werden dabei als treibende Kräfte gesehen. Die Erzeugungsseite wird aber mit steigenden Kosten, insbesondere in Bezug auf Tierwohlkriterien, Futter und Nachhaltigkeit, konfrontiert sein. Mit Blick auf den Milchpreis sieht Klahsen eine stabile bis leicht festere Entwicklung.

Zuversichtlich ist der Referent für den Eier- und Geflügelmarkt. Der Eiermarkt ist mit dem Ausbau der Freiland- und Biohaltung ein Beispiel für einen positiven Strukturwandel. Gute Potenziale sieht er vor allem in der regionalen Vermarktung. „Es wird immer mehr Wert auf das regionale Frühstücksei gelegt“, so Klahsen. Der Geflügelmarkt wird weiter attraktiv bleiben. Dies belegt die weltweit hohe Nachfrage, wenngleich der Ausbau des Mastbereichs kaum bis gar nicht möglich ist. Die aktuelle Preissituation für den Geflügelmarkt ist derzeit durch Importe aus der Ukraine zwar unbefriedigend, aber die EU-Kommission arbeite daran, diese zu beschneiden, da die Export-Methoden der ukrainischen Geflügelproduzenten umstritten sind.


Dialog und Transparenz wichtiger denn je

Nach diesem Marktüberblick übernahm Robert Pudelko, Leiter Corporate Social Responsibility (CSR) Einkauf bei Kaufland, das Wort. Er sprach in seinem Gastvortrag über „Erwartungen des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) an den produzierenden Landwirt“. Er machte schnell deutlich – die Erwartungen der Verbraucher an die Landwirte steigen. Bereits heute wünschen sich viele Verbraucher Fleisch aus artgerechter Haltung. Nachhaltigkeit und Transparenz werden zu wichtigen Kaufkriterien. LEH und Landwirtschaft setzen zunehmend auf Tierwohl-Label. In diesem Zusammenhang stellte Pudelko das 2016 entwickelte Qualitätsfleischprogramm „Wertschätze“ für Schweinefleisch vor. „Wertschätze“ ist in allen Filialen mit Fleischbedienungstheken erhältlich. Seit September 2019 wird Schweinefleisch aus dem Wertschätze-Programm, das die Anforderungen an Haltungsform 3 erfüllt und entsprechend ausgelobt ist, bundesweit in SB unter der Marke „K-Favourites“ angeboten. Vertragslandwirte profitieren von langfristigen Partnerschaften und Direktverträgen. Pudelko stellte jedoch heraus, dass die gesellschaftlichen Anforderungen an die Landwirte weiter steigen werden und nannte als Beispiele die Ausweisung der CO2-Bilanz von Produkten oder den reduzierten Einsatz von Antibiotika. Um der Entfremdung zwischen Verbraucher und moderner Landwirtschaft entgegenzuwirken, zählen Dialog, Authentizität sowie Transparenz und Aufklärung.


Genossenschaften als Dienstleistungsunternehmen

Nach der Mittagspause widmete sich Johann Kalverkamp, Vorstand der VR AgrarBeratung AG, dem Thema „Ländliche Genossenschaften im Wandel“. Dabei ist die Digitalisierung einer der großen Veränderungstreiber für Ländliche Genossenschaften. Smart Farming ist in der Landwirtschaft angekommen. Für Genossenschaften liegt die Herausforderung in der Verknüpfung von Prozessen und Informationen verschiedenster Akteure. Netzwerke müssen auf die digitale Basis gehoben werden. Potenzial für neue Dienstleistungen der Genossenschaften sieht er unter anderem in Unterstützungsangeboten im Bereich der umfangreichen Dokumentationspflichten der Landwirte.

Wie sich Ländliche Genossenschaften heute auf (digitale) Kundenanforderungen einstellen und Dienstleistungen mithilfe digitaler Technologien verbessern können, zeigte Bernhard Temmen am Beispiel der Raiffeisen-Warengenossenschaft Emsland-Süd eG. Er ist Prokurist der Genossenschaft und skizzierte den Entwicklungsverlauf des Unternehmens von der Molkerei Altenlünne zum modernen Mischfutterwerk und landwirtschaftlichen Dienstleistungsunternehmen. Die Genossenschaft setzt sich intensiv für die gemeinschaftliche Entwicklung und Nutzung von digitalen Produkten und Technologien für Agrarunternehmen ein und gründete dazu zusammen mit drei weiteren Genossenschaften im August 2018 die Raiffeisen dig-IT-al GmbH. Darüber hinaus gehört die Genossenschaft auch zu einer der 29 genossenschaftlichen Partner, die über die „Raiffeisen Networld“ in den Aufbau einer eigenen digitalen Handelsinfrastruktur investiert. Das Ziel: die Unabhängigkeit der deutschen Agrarwirtschaft von multinationalen Konzernen wie Plattformgiganten oder Unternehmen aus der Industrie.


Wahl des Beregnungssystems

Über „Anpassungsstrategien an Dürresituationen“ referierte Ekkehard Fricke, Berater Beregnung/Bewässerung bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Die Beregnung hat in Niedersachsen eine hohe Bedeutung für die Ertrags­- und Qualitätssicherung der Ernteprodukte. Die Landwirtschaftskammer führt seit nunmehr 24 Jahren Beregnungsversuche auf einem eigenen Beregnungsversuchsfeld am Standort Hamerstorf (Landkreis Uelzen) durch. Der Klimawandel wird die Rahmenbedingungen für die Pflanzenproduktion verändern. Der Wasserbedarf in der Landwirtschaft wird steigen. Jeder Millimeter Wasser sollte daher möglichst gewinnbringend eingesetzt werden. Umso wichtiger wird die Wahl des Beregnungssystems. In Niedersachsen erfolgt die Bewässerung zu fast 100 Prozent über mobile Beregnungsmaschinen (Kanonen). Dieses Verfahren ist allerdings weniger effizient: Der Energieaufwand ist im Vergleich zu anderen Verfahren höher, die Verteilgenauigkeit und Wassereffizienz eher gering und auch der Zeitaufwand ist recht hoch. Eine effiziente und damit ökonomische Alternative ist beispielsweise die Kreisberegnung. Sie punktet durch eine gleichmäßige Wasserverteilung und einen geringeren Arbeitsaufwand. Die Investitionskosten sind mit denen von mobilen Beregnungsmaschinen vergleichbar. Die Beregnungstechnik ist allerdings nur für Flächen ab etwa 20 Hektar einsetzbar.


Pragmatische Diskussion ohne zu lamentieren

Den Abschluss des Tages machte Dr. Kirsten Otto, Geschäftsführerin des Vereins Land.Schafft.Werte. mit ihrem Beitrag „#Farbebekennen für die Wertschöpfungskette Fleisch“. Land.Schafft.Werte. setzt seit Juli 2019 mit der neuen Kampagne #Farbebekennen auf klare Statements für die Tierhaltung und
Fleischerzeugung in Deutschland. Anliegen ist es, bewusst Farbe zur Tierhaltung zu bekennen. Dabei ist das Ziel nicht, Kritik von außen zu ignorieren. Vielmehr werden diese in Inhalte und Beiträge integriert. So werden auf konstruktive, aber sehr direkte Art und Weise Berührungspunkte zwischen Wertschöpfern und Kritikern geschaffen und zum Austausch und zur Diskussion ermutigt. Mit aktuell rund 70 Mitgliedsunternehmen, vom Landwirt über den Futtermittelerzeuger und Tierarzt bis hin zum Fleischverarbeiter, bildet der Verein die gesamte Wertschöpfungskette ab.