zur Übersicht

"Genossenschaften halten Weser-Ems am Laufen"

09.06.2022

Ländliche Genossenschaften wichtige Partner für Landwirtschaft und Verbraucher / Stabile Umsätze und gute Ergebnisse in schwierigen Zeiten / Hohe Eigenkapitaldecke: Unternehmen gesund und solide aufgestellt / 12.000 Jobs: sichere Arbeitsplätze / Herausforderung: Strukturwandel, Ukraine-Krieg, volatile Märkte

 © MARKUS HIBBELER

Herunterladen
Das Bild zeigt die Verbandsdirektoren Johannes Freundlieb (rechts) und Axel Schwengels. Quelle: Markus Hibbeler.

Rastede/Oldenburg. Die Genossenschaften in Weser-Ems haben sich einmal mehr als verlässlicher Partner der Landwirtschaft und der Verbraucher in der Region gezeigt. Das sagten die Verbandsdirektoren des Genossenschaftsverbands Weser-Ems e.V. Johannes Freundlieb und Axel Schwengels. Beide betonten bei der Vorstellung der Jahresabschlusszahlen 2021 für die Ländlichen Genossenschaften und Gesellschaften heute im Akademiehotel im ammerländischen Rastede vor der Presse, dass sich „trotz sehr schwieriger Rahmenbedingungen“ die 135 Mitgliedsunternehmen aus Milchwirtschaft, Warenhandel, Viehvermarktung und Energie im Markt erfolgreich behauptet hätten. Das sei angesichts der coronabedingten Einschränkungen, des anhaltenden Strukturwandels in der Land- und Ernährungswirtschaft, der Afrikanischen Schweinepest, einigen Wetterturbulenzen und mangelnder Anreize zum Ausbau regenerativer Energien „ein mehr als respektables Ergebnis“. „Unsere genossenschaftlichen Unternehmen sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Weser-Ems, der über die direkte Wertschöpfung hinaus mehr als 12.000 Menschen sichere und hochwertige Arbeitsplätze bietet und damit Kaufkraft und Wertschöpfung vor Ort erhält“, sagte Johannes Freundlieb. Dies stärke die ländlichen Räume nachhaltig.

Mit Blick auf die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs betonte Freundlieb, dass die genossenschaftliche Stärke auch 2022 dafür sorgen werde, dass die Versorgung der Landwirtschaft insbesondere mit Futtermitteln und Dünger weiterhin gesichert sei. Dies sei wichtig, damit die Verbraucher weiterhin gefüllte Regale in den Märkten vorfänden. „Wir tragen unseren Teil dazu bei, um das Land am Laufen zu halten“, spitzte Freundlieb die Bedeutung der genossenschaftlichen Unternehmen zu. Dies sei angesichts explodierender Kosten in allen relevanten Bereichen aber mit steigenden Preisen für die Verbraucher verbunden. „Aber wir müssen uns sicherlich teilweise auf eine eingeschränkte Verfügbarkeit von Produkten einstellen“, betonte Freundlieb. Von der Politik forderten die Verbandsdirektoren, verlässliche Rahmenbedingungen und klare Vorgaben zu schaffen sowie die Systemrelevanz der Genossenschaften zu berücksichtigen.

Stabiles Ergebnis für 2022 erwartet

Insgesamt sehen Freundlieb und Schwengels die genossenschaftlichen Mitgliedsunternehmen in Weser-Ems gut aufgestellt. Angesichts der aktuellen Lage sei eine konkrete Prognose für 2022 jedoch nicht möglich. Jedoch rücke die Bedeutung der regionalen Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte und deren Vermarktung stärker in den Fokus. „Dies stärkt grundsätzlich unsere Genossenschaften“, so Freundlieb. Gleichzeitig belasteten aber ein hoher Kostendruck, der landwirtschaftliche Strukturwandel, veränderte Konsumgewohnheiten sowie erhöhte gesetzliche Auflagen die Unternehmen. Als Chance bezeichnete die Verbandsdirektor die nachhaltige Ausrichtung der Agrarwirtschaft, die jedoch mit hohen Investitionen verbunden sei. „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und darf nicht allein auf die Betriebe und die nachgelagerten Bereiche abgewälzt werden“, sagte Freundlieb und forderte entsprechende staatliche Unterstützung.

Die Eigenkapitalausstattung der Genossenschaften sei mit im Durchschnitt mehr als 30 Prozent sehr gut. „Unsere Mitgliedsunternehmen sind auch für schwierige Zeiten gerüstet und bleiben flexibel und handlungsfähig“, so Freundlieb. Die Ertragslage habe 2021 in allen Sparten im Vergleich zum Vorjahr weiter gestärkt werden können.

Baustoffhandel boomt – Futtermittel bleiben tragende Säule

Die Warengenossenschaften hätten ihr Jahresergebnis mit 14,7 Millionen Euro um plus 3,5 Millionen Euro steigern können. Profitiert hätten die Raiffeisen-Märkte inklusive des Baustoffhandels von einer verstärkten privaten Nachfrage. Der Boom beim Ausbau von Haus und Garten habe sich 2021 deutlich bemerkbar gemacht. Die tragende Säule bleibe mit mehr als 50 Prozent vom Umsatz der Bereich der landwirtschaftlichen Futtermittel, der von einer konstanten Nachfrage mit steigenden und stark schwankenden (volatilen) Preisen auf den Getreidemittelmärkten geprägt war. Die Preise im Bereich Futtermittel und Dünger „sind 2022 nochmals gestiegen und nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine förmlich explodiert“, sagte der Verbandsdirektor. Dies trage mit zu einer anhaltend hohen Inflation bei.

Durch das gute Ergebnis 2021 werde die Eigenkapitalausstattung weiter gestärkt. Zudem profitierten die knapp 33.000 Genossenschaftsmitglieder in den Bereichen Ware, Obst und Gemüse, Gartenbau und Viehvermarktung durch Rückvergütungen, die sich nach vorsichtigen Schätzungen der Geschäftsführungen auf insgesamt rund 13,1 Millionen Euro summieren. „Die endgültigen Zahlen werden vermutlich noch etwas höher liegen“, sagte Freundlieb.

Molkereien mit Gewinnsprung

Die dem GVWE angehörenden Molkereien konnten das addierte Gesamtjahresergebnis mit 33,4 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr um 8,5 Millionen Euro deutlich steigern. Vor allem eine weltweit hohe Nachfrage bei einem tendenziell sinkenden Angebot habe für das Gewinnplus gesorgt. Dies sei für die „lange stark gebeutelten Milchviehbetriebe“ ein Lichtblick. So habe sich der durchschnittliche Auszahlungspreis der Molkereien auf mehr als 36 Cent pro Kilogramm erhöht. Dieser Trend habe sich 2022 in Richtung 60 Cent beschleunigt. „Unsere genossenschaftlichen Molkereien gehen davon aus, dass der Milchpreis ein dauerhaft höheres Niveau erreicht hat. Damit haben die Höfe und vor allem die jungen Landwirte wieder eine Perspektive“, betonte Freundlieb.  

Sorge um Schweinehalter

Sorge bereitet dem Genossenschaftsverband Weser-Ems die Lage der Tierhalter, die vor allem im Bereich Schwein mit grundlegenden Problemen zu kämpfen hätten. Die Rinderhalter dagegen stünden vergleichsweise gut dar mit zwar rückläufigen Mengen, aber einem stabilen Preisniveau. Anhaltend niedrige Preise, coronabedingte Einschränkungen, die Afrikanische Schweinepest, steigende Auflagen und ein rückläufiger Fleischkonsum hätten aber die schweinehaltenden Betriebe stark getroffen. Der jüngste starke Preisanstieg im Frühjahr dieses Jahres dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kosten noch stärker angezogen hätten und es keine Entwarnung gebe. Zudem seien die starken Preisschwankungen „Gift für Landwirte“, denen eine verlässliche Planungsgrundlage fehle. Gepaart mit Engpässen bei der Futtermittelversorgung führe das zu Entwicklungen, die auch der Verbraucher kurzfristig an der Kasse spüren werde. Beispielsweise seien etwa 20 Prozent der Putenställe in Niedersachsen aktuell nicht belegt worden, weil die unklare Futtermittelversorgung ein unkalkulierbares Risiko darstelle. Dies wirkt ebenfalls tendenziell preistreibend.  

 „Wenn wir weiterhin regional erzeugtes und qualitativ hochwertiges Fleisch essen wollen, muss sich die Politik überlegen, wie sie für die Tierhaltung und insbesondere für die Schweinehalter entsprechende Perspektiven schaffen kann“, sagte Schwengels. Grundsätzlich müsse die Bundesregierung für verlässliche Rahmenbedingungen sorgen. „Hier fehlt es bislang an klaren Vorgaben, die aber Voraussetzung für die notwendigen und teilweise millionenschweren Investitionen der Betriebe in dem laufenden Transformationsprozess sind“, betonte der Verbandsdirektor. Die Landwirte könnten diese finanzielle Last nicht alleine tragen.