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Genossenschaft bestens geeignet für die Unternehmensnachfolge

veröffentlicht im Genossenschafts-Magazin Weser-Ems, Ausgabe 03/2018

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gründen eine Genossenschaft, um ein gut eingeführtes Reisebüro zu übernehmen

 © Club Aktiv, Germany
Das Team der WIR. Reisen eG nach Vorstellung der neu gegründeten Genossenschaft (v. l.): Aufsichtsratsmitglied Erhard Stammberger, Patricia Lawitschka, Vorstandsvorsitzende, Aufsichtsratsmitglied Rieke Hobbie, Vorstandsmitglied Kerstin Schellenberg sowie Aufsichtsratsvorsitzender Lutz Müller.

Zahlreiche kleine und mittelständische Unternehmen werden aufgrund fehlender Nachfolgeregelungen in Deutschland jedes Jahr geschlossen. Die Firmeninhaber sind im Ruhestandsalter, finden aber weder in den eigenen Familien noch auf dem Käufermarkt einen Nachfolger.

Viele Arbeitsplätze gehen hierdurch verloren. Dabei sind die Mitarbeiter in Unternehmen oft sehr engagiert und identifizieren sich mit dem Unternehmen. Nur, sie trauen sich die Übernahme allein nicht zu und können trotz staatlicher Finanzierungshilfen meistens auch die notwendigen Mittel für eine Übernahme nicht aufbringen.

Der Oldenburger Unternehmer Lutz Müller, der seit 1996 Seekajaktouren und Skandinavienreisen anbietet und auf die Nachhaltigkeit seiner Angebote achtet, dachte da anders: Schon vor seinem 60. Geburtstag formulierte er sein Ziel, eines Tages die Firma auf seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu übertragen. Einen Verkauf des Unternehmens an einen Außenstehenden wollte er hierbei unbedingt vermeiden.

„Zu meinem Herzblut gehören nicht nur das Seekajakfahren und die skandinavischen Länder, sondern auch die Teammitglieder, die zum Teil schon lange an meiner Seite arbeiten.“, so Müller.

Um diesen Weg gemeinsam beschreiten zu können, war jedoch auch die innere Bereitschaft der Mitarbeiter eine große Voraussetzung und so mussten zunächst entsprechende Strukturen geschaffen werden. In vielen Workshops und Diskussionsrunden wurden die Schritte erarbeitet, die die Unternehmernachfolge für „Club Aktiv“, dem Unternehmen von Müller, absichern sollten. Unterstützt wurde das Team hierbei von einem externen Moderator und Berater, der das Unternehmen schon seit einigen Jahren strategisch und betriebswirtschaftlich begleitet.

In den Gesprächen klärten der Unternehmer und die Mitarbeiter gemeinsam, wie die Prozesse in einem kleinen Team auf die Fähigkeiten und Neigungen der einzelnen Teammitglieder abgestimmt werden können und wie Ängste, die bei einem solchen Prozess naturgemäß auftreten, offen angesprochen werden. Gemeinsam wurden verbindenden Werte erarbeitet. Alle Beteiligten sollten sich vor dem Übergang über den zukünftigen Kurs einig sein. Hierbei stellt Patricia Lawitschka, Vorstandsvorsitzende der neuen Genossenschaft, klar: „Es ging nicht nur darum, geordnete betriebswirtschaftliche Verhältnisse zu beachten, sondern alles, was in einem Unternehmen so „menschelt“. Zudem war es eine besondere Herausforderung, zwei neue Mitarbeiterinnen einzubinden, denn auf das Mehr an Verantwortung, in die Mitarbeiterinnen eingebunden werden sollten, wird in klassischen Arbeitsverhältnissen nicht vorbereitet.“

Unterstützung durch das Programm „unternehmensWert: Mensch“

Finanziell wurde das Vorhaben aus dem staatlichen Programm „unternehmensWert:Mensch“ (uWM) des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales gefördert. Diese spezielle Beratungsförderung steht jedem kleinen oder mittleren Unternehmen mit nicht mehr als 249 Vollzeit-Mitarbeitern zur Verfügung, so dass auch in diesem Fall der eigene finanzielle Beitrag für die Tätigkeit des besonders für dieses Programm qualifizierten Beraters überschaubar blieb.

Mit Erfolg: Nach eineinhalb Jahren Vorbereitungszeit wurde jetzt mit kopmetenter Unterstützung der Gründungsberaterin Kirsten König vom Genossenschaftsverband Weser-Ems e.V. die „WIR.Reisen eG“ gegründet. Sie wurde von Beginn an so angelegt, dass nicht nur alle zukünftigen neuen Mitarbeiter, sondern auch freiberufliche Reiseleiter, Stammkunden und Geschäftspartner von „Club Aktiv“ als Genossenschaftsmitglieder gewonnen werden können. Müller, der noch zunächst für einige Zeit Angestellter in der Genossenschaft bleiben wird, wurde zum Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt, neben ihm wählte die Gründungsversammlung eine jüngere Mitarbeiterin sowie den begleitenden Berater in den Aufsichtsrat. Den Vorstand besetzen zwei langjährig dem Unternehmen verbundene Mitarbeiterinnen.