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30 Jahre DAX: Das Börsenbarometer als Spiegel der deutschen Wirtschaftsgeschichte

veröffentlicht im Genossenschafts-Magazin Weser-Ems, Ausgabe 05/2018

Am 1. Juli feiert der Deutsche Aktienindex DAX seinen 30. Geburtstag. Ob seine Initiatoren der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Wertpapierbörsen und der Frankfurter Börse bereits damals ahnten, dass der Leitindex sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickeln würde? Jürgen Hackenberg, Leiter Aktien Europa bei Union Investment, beantwortet diese und andere Fragen.

Herr Hackenberg, der DAX feiert im Juli seinen 30. Geburtstag, seit fast 25 Jahren verfolgen Sie als Fondsmanager die Entwicklung des Börsenbarometers. Baut man in so einer langen Zeit ein besonderes Verhältnis zu einem Aktienindex auf?

Auf jeden Fall. Ich fühle mich dem DAX durchaus verbunden, er begleitet mich ja schon mein gesamtes Berufsleben Tag für Tag. Gleichzeitig ist er ein Spiegel der deutschen Wirtschafts- und Industriegeschichte. Der DAX wandelt sich ständig, immer wieder kommen neue Kandidaten, manche schaffen es, andere nicht. Wer erinnert sich schon an Preussag, Feldmühle oder MLP? Das macht den Index in meinen Augen einzigartig. Weil der DAX mit 30 Titeln recht konzentriert ist, kennt man sich in diesen Unternehmen zudem auch gut aus und weiß um die Stärken und die Schwächen der einzelnen Adressen. 

Ist die Geschichte des DAX eine Erfolgsgeschichte?

Aus Sicht der DAX-Aktionäre auf jeden Fall, denn wer seit 1988 am Ball geblieben ist, der konnte sich in den allermeisten Jahren über üppige Gewinne freuen. Nur acht der 30 DAX Jahre endeten im Minus, die aber leider mitunter kräftig.

Welche Jahre waren die schlechteren?

Schwere Verluste machte, wer in den Jahren 2000 bis 2002 investiert war, den einzigen aufeinanderfolgenden Jahren mit roten Zahlen. Ging das Jahr 2000 mit einem Minus von knapp acht Prozent noch glimpflich aus, so verloren Anleger im Jahr 2001 fast 20 und im darauf folgenden Jahr sogar rund 44 Prozent ihres Investments.

Und die Geschehnisse von damals haben bei den Anlegern bis heute Spuren hinterlassen.

Ja, das ist richtig. Das Platzen der Internetblase ist bis heute in den Köpfen der Anleger, auch wenn die Kurse in den nächsten fünf Jahren kräftig kletterten, viermal sogar mit mehr als 20 Prozent pro Jahr. Die eigentlich unnötige Angst der deutschen Bevölkerung vor Aktien hängt aber sicherlich auch mit dem wohl spektakulärsten, aber auch größten Börsengang der vergangenen 30 Jahre zusammen. Im November 1996 wurde die Aktie der Deutschen Telekom erstmals gelistet, fast zwei Millionen Kleinanleger machten mit und investierten in das Papier.

Bevor die Ernüchterung einsetzte, war die Begeisterung für die sogenannte Volksaktie riesig.

Ja, denn die Erstnotiz von 33,20 Mark lag über dem Emissionspreis, das Papier kletterte in den kommenden Monaten und Jahren bis auf 103,50 Euro – eine Versiebenfachung gegenüber der Erstemission. Dann folgte der Crash und die vielbeschworene Volksaktie fiel wie ein Stein. Dennoch erkennen immer mehr private Anleger, dass die Aktie oder ein entsprechender Investmentfonds gerade heutzutage eine Alternative zu zinsbasierten Anlageformen ist. Immerhin mehr als jeder dritte Deutsche hält es für attraktiv, Aktien beziehungsweise Fonds zu kaufen.

Was wünschen Sie dem DAX für die Zukunft?

Ich würde mir für die Zukunft eine etwas breitere Aufstellung wünschen. Der DAX ist auf 30 Unternehmen begrenzt, darunter leidet die Vielfalt. Industrie und Automobile sind im DAX sehr prominent vertreten, aber zyklische Konsumgüter oder Tech-Aktien sind beispielsweise unterrepräsentiert. Gerade im Bereich IT ist es so, dass viele Kandidaten aus dem Technologieindex TecDAX, von größeren Unternehmen aus dem Ausland übernommen werden, sobald sich ein langfristiger Erfolg abzeichnet.

Und wie wird sich der DAX Ihrer Einschätzung nach künftig entwickeln?

Bei einem Blick in die Zukunft sollte es den Anlegern nicht bange sein. Das Gros der DAX-Konzerne ist gut aufgestellt, angesichts der starken globalen Konjunktur sollten die Adressen in den kommenden Monaten ihre Gewinne ausweiten. Gleichzeitig sind viele Namen aus dem Index mit großen Herausforderungen konfrontiert. Die Finanzinstitute beispielsweise haben immer noch mit den Folgen der Finanzkrise zu kämpfen, die Automobilkonzerne werden von Entwicklungen in der E-Mobilität und dem Autonomen Fahren in Anspruch genommen und die großen Versorger RWE und E.on haben alle Hände voll zu tun, um mit der Energiewende Schritt zu halten. Es ist nicht auszuschließen, dass einige der Adressen, die heute als fast natürliche DAX-Mitglieder auf dem Kurstableau stehen, irgendwann aus dem Index fallen. Den DAX als erfolg- und ertragreichen Aktienindex aber wird es weiter geben.