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Agrarpolitik im Dialog: Perspektiven für die Region Nordwest

veröffentlicht im Genossenschafts-Magazin Weser-Ems, Ausgabe 06/2026

Mit der Veranstaltung „Perspektiven 2026“ in Schneiderkrug ist es gelungen, zentrale Zukunftsfragen der Agrarwirtschaft in den Mittelpunkt eines offenen Austauschs zu stellen. Für den Genossenschaftsverband Weser-Ems bot der Abend wertvolle Einblicke – und zeigte zugleich, wie groß der Bedarf an Orientierung, Planungssicherheit und echten Lösungen ist

 © GVWE / Svenja Heep
Von links: Christoph Metzner (Leiter Public Affairs, Deutscher Raiffeisenverband e.V.), Henning Kock (Landwirt aus Bühren), Franz-Josef Holzenkamp (Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes), Alois Rainer (Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat), Jens Suren-Schmits (Landwirt aus Stavern), Jan Müller (Präsident IHK Oldenburg)

Rund 600 Vertreterinnen und Vertreter aus Landwirtschaft, Politik, Wirtschaft und genossenschaftlichem Umfeld folgten der Einladung nach Schneiderkrug. Die Teilnehmerzahl unterstreicht eindrucksvoll, wie groß der Gesprächsbedarf in der Agrarregion Nordwest aktuell ist. Für den Genossenschaftsverband Weser-Ems (GVWE) nahmen Verbandsdirektor Axel Schwegels sowie Reinhold Voss-Dust aus dem Prüfungsaußendienst teil. Beide nutzten die Veranstaltung bewusst nicht nur zur Teilnahme, sondern vor allem zur intensiven Beobachtung und zum Austausch mit Mitgliedsunternehmen. Denn für unseren Verband ist es entscheidend, Stimmungen, Herausforderungen und Erwartungen direkt aus der Praxis aufzunehmen.

Schon in den ersten Gesprächen wurde deutlich: Die Landwirtschaft befindet sich weiterhin in einer Phase tiefgreifender Transformation. Viele Betriebe stehen vor Investitionsentscheidungen, die langfristige Planungssicherheit erfordern – gleichzeitig wachsen regulatorische Anforderungen und wirtschaftliche Unsicherheiten.

Politische Leitplanken und klare Botschaften
Im Zentrum des Abends stand der Impuls von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer. Seine zentrale Botschaft war eindeutig: Bürokratie abbauen, Wettbewerbsfähigkeit stärken und verlässliche Rahmenbedingungen schaffen. „Die Bürokratie ist die Geisel unserer Neuzeit“, formulierte er pointiert.
Gerade dieser Punkt fand bei den anwesenden Praktikern großen Widerhall. Aus Sicht des GVWE bestätigt dies die Rückmeldungen vieler Mitgliedsgenossenschaften: Bürokratische Lasten und unklare Förderbedingungen sind zentrale Hemmnisse bei Investitionen – sowohl in der Primärproduktion als auch in den vor- und nachgelagerten Bereichen. Neben dem Bürokratieabbau betonte der Minister auch strategische Themen wie Ernährungssicherung, Kreislaufwirtschaft und regionale Wertschöpfung. Diese Themen decken sich in weiten Teilen mit den Stärken der Agrarregion Nordwest und verdeutlichen die Bedeutung regionaler Strukturen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft.

Spannungsfeld zwischen Regulierung und Praxis
In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde das Spannungsfeld zwischen politischer Steuerung und praktischer Umsetzung besonders deutlich. Vertreter aus Landwirtschaft, Genossenschaftswesen und Wirtschaft diskutierten unter anderem die Auswirkungen regulatorischer Vorgaben auf Investitionsentscheidungen sowie die Anforderungen an faire Wettbewerbsbedingungen im internationalen Vergleich.
Für den GVWE zeigte sich hier erneut die zentrale Rolle genossenschaftlicher Strukturen. Sie bilden entlang der gesamten Wertschöpfungskette eine stabile Verbindung zwischen den landwirtschaftlichen Betrieben und den Märkten – und sind damit unmittelbar von politischen Rahmenbedingungen betroffen.
Die Diskussion machte zugleich deutlich, dass es nicht nur um einzelne Maßnahmen geht, sondern um ein Gesamtbild: Planungssicherheit, Verlässlichkeit und Praxistauglichkeit politischer Entscheidungen sind entscheidend, damit Betriebe und Genossenschaften langfristig investieren können.

Die „große Stille“ – mehr als ein Moment
Neben den inhaltlichen Beiträgen prägte auch die Atmosphäre der Veranstaltung den Abend. In einem begleitenden Kommentar wurde die „große Stille“ beschrieben – Momente, in denen der Raum innehielt, bevor Diskussionen fortgeführt wurden. Diese Beobachtung ist mehr als eine Randnotiz. Sie spiegelt eine zunehmende Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung wider. Viele Teilnehmer hörten bewusst zu, reflektierten und suchten nach tragfähigen Antworten, statt vorschnell Positionen zu formulieren. Aus Sicht des GVWE ist diese Haltung ein wichtiges Signal. Sie zeigt, dass die Branche nicht an kurzfristigen Debatten interessiert ist, sondern an nachhaltigen Lösungen. Gleichzeitig wächst damit der Anspruch an alle Beteiligten – sowohl an die Politik als auch an die Organisationen –, konkrete Perspektiven zu entwickeln.

Genossenschaften als verbindendes Element
Ein wiederkehrendes Thema des Abends war die Rolle der Genossenschaften. Als regional verankerte Organisationen bündeln sie Interessen, sichern Versorgung und schaffen wirtschaftliche Stabilität. Die Aussagen der Gastgeber unterstreichen diesen Punkt: Die Betriebe benötigten klare Rahmenbedingungen, da politische Entscheidungen unmittelbare Auswirkungen auf ihre tägliche Arbeit haben, betonte Cord Schiplage (Geschäftsführendes Vorstandsmitglied GS Die Genossenschaft eG). Auch Albert Weersmann (Vorstand Raiffeisen Ems-Vechte) hob hervor, wie wichtig der direkte Dialog sei, um diese Auswirkungen sichtbar zu machen.

Für den GVWE ist dies ein zentraler Auftrag: Die Perspektiven der Mitglieder in politische Prozesse einzubringen und gleichzeitig Entwicklungen frühzeitig einzuordnen. Genossenschaften fungieren dabei als Schnittstelle – zwischen landwirtschaftlicher Praxis, Marktanforderungen und politischer Gestaltung.

Austausch auf Augenhöhe als Erfolgsfaktor
Neben den offiziellen Programmpunkten spielte der persönliche Austausch eine zentrale Rolle. Gespräche am Rande der Veranstaltung ermöglichten es, konkrete Herausforderungen zu vertiefen und Netzwerke zu stärken. Gerade diese informellen Dialoge sind für den Verband von großer Bedeutung. Sie liefern oft ein differenziertes Bild, das über offizielle Beiträge hinausgeht, und helfen dabei, Entwicklungen besser zu verstehen. Für Axel Schwegels und Reinhold Voss-Dust stand dabei vor allem der direkte Kontakt mit den Mitgliedsgenossenschaften im Mittelpunkt. Die Vielzahl an Gesprächen zeigte, wie unterschiedlich die Herausforderungen im Detail sind – und wie wichtig es ist, diese Erfahrungen in die Verbandsarbeit einfließen zu lassen.

Mehr Dialog, mehr Verlässlichkeit, klare Perspektiven
Die Veranstaltung „Perspektiven 2026“ hat deutlich gemacht, dass die Agrarregion Nordwest vor großen Herausforderungen steht – gleichzeitig aber auch über starke Strukturen und ein funktionierendes Netzwerk verfügt. Aus Sicht unseres Verbandes lassen sich drei zentrale Erkenntnisse festhalten:

  1. Der Bedarf an verlässlichen politischen Rahmenbedingungen ist hoch.
  2. Genossenschaften spielen eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung und Weiterentwicklung der Agrarwirtschaft.
  3. Der direkte Dialog zwischen Politik und Praxis ist unverzichtbar, um tragfähige Lösungen zu entwickeln.